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Grabinschriften
Köstenberg/Kostanje, drei
Grabsteine, Foto Bojan-Ilija
Schnabl
St. Lorenzen/Šentlovrenc,
Franc Sturm, gest.
21.8.1941, dessen Grab an
der Ehrenmauer wurde zwei-
mal zugeschüttet, so dass
er schließlich an anderer
Stelle am Friedhof begraben
werden musste, Foto Bojan-
Ilija Schnabl
St. Thomas am Zeiselberg/
Šenttomaž, Grabstein für
Familie Sturm, vulgo Morič,
Foto Bojan-Ilija Schnabl
und dass das Gotteshaus demnach auf jeden Fall vor
dem 11. Jh. geweiht worden war.
Insgesamt ist anhand der angeführten Indizien fol-
gendes Erklärungsmodell für die Entwicklung Gra-
belsdorfs vom 7. bis in das 11. Jh. am wahrscheinlichs-
ten : Im 7. Jh. etablierte sich hier die Siedlung einer
paganen und slawischsprachigen Bevölkerung unter
einem Anführer, der sowohl awarisch als auch frän-
kisch beeinflusst ist. Mit der Missionierung der Ka-
rantanen (→ Christianisierung, → Iro-schottische
Mission) lassen sich die Grabelsdorfer taufen und ihr
Siedlungsoberhaupt übernimmt den biblischen Na-
men Gabriel. Sehr wahrscheinlich ist er auch für die
Kirchengründung verantwortlich, und das christliche
Gotteshaus mit seinem Friedhof ersetzt nun einen
ehemals paganen Kult- und Bestattungsplatz. Einiges
deutet darauf hin, dass Siedlung und Kirche bis in das
11. Jh. hinein im Besitz der lokalen Elite um Gabriel
und seine Nachfahren blieben, bis sie nach und nach
vom Hochstift Brixen übernommen wurden (vgl. auch :
→ Archäologisches Bild, → Karantanisch-Köttlacher
Kulturkreis, → Frühmittelalterliche Kirchen, → Eth-
nogenese).
Lit.: E. Szameit, P. Stadler : Das frühmittelalterliche Grab von Gra-
belsdorf bei St. Kanzian am Klopeinersee, Kärnten. In : Archaeologia
Austriaca 77 (1993) 213–242 ; P. Gleirscher : Ein karantanischer Adels-
friedhof über Grabelsdorf. In : Franz Nikolasch (Hg.), Symposium
zur Geschichte von Millstatt und Kärnten. Millstatt 2005, 56–66 ;
St. Eichert : Grabelsdorf – villa Gabrielis. Betrachtungen zur Entwick-
lung einer Siedlung vom 7. bis ins 11. Jahrhundert. In : Car I 200 (2010)
105–132 ; S. Eichert : Frühmittelalterliche Strukturen im Ostalpenraum.
Studien zu Geschichte und Archäologie Karantaniens. Klagenfurt am
Wörther See 2012.
Stefan Eichert
Grabinschriften, slow. nagrobni napis(i), traditio-
nelle Ausdrucksform der slowenischen Sprachkultur
in → Südkärnten/Južna Koroška, die im Rahmen der
Gebrauchsliteratur auch als eine spezifische literarische
Form der Gelegenheitslyrik identifiziert werden kann
und ein besonders erhaltenswertes sprachkulturelles
Erbe darstellt (in gleichem Maße wie die slowenischen
→ Flurnamen, die nunmehr in die UNESCO-Liste des
immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen wurden).
G. finden sich auf Grabdenkmälern und Gedenkstei-
nen für Verstorbene. G. beinhalten oft sprachbezogene
Angaben zur Person, die, wenn sie slowenisch sind, an-
gesichts des soziolinguistischen Kontextes in Kärnten/
Koroška eine ethnische Zuordnung der Person und ihrer Angehörigen implizieren, weshalb auch G. ohne
sprachliche Merkmale anzutreffen sind, die u. U. auf
einen Prozess des → Sprachwechels bzw. der → Assi-
milation hindeuten.
Von besonderer literarischer und kulturhistorischer
Bedeutung sind die auf slowenischen Gräbern anzu-
treffenden Verse und Gedichte, die als eigene litera-
rische → Gattung anzusehen sind. Sie besitzen wegen
der emotionalen und transzendentalen Dimension teils
höchste literarische Qualität, auch oder gerade weil sie
zutiefst in der Tradition der slowenischen Volkspoeten
(→ Bukovništvo) verwurzelt sind. Meist sind G. in der
slowenischen Schrift- bzw. → Standardsprache verfasst,
selten sind sie im → Dialekt, was auch darauf zurück-
zuführen ist, dass seit der Reformation (→ Protestan-
tismus), eine einheitliche slowenische → Liturgie-
sprache gepflegt wurde, was auch in der Volksliteratur
normbildend wirkte.
Neben standardisierten Versen finden sich auf Grab-
steinen insbesondere G., die als Zwei- oder Vierzeiler
oder aber als epische Gedichte oft genuine Neuschöp-
fungen von anonymen Autoren sind, die oft anlässlich
eines spezifischen Todesfalles und eines persönlichen
Schicksals verfasst wurden. Seltener sind es literarische
Zitate. So lautet die intimistische G. für die früh ver-
storbene Katarina Sturm in St. Thomas am Zeisel-
berg/Šenttomaž pri Celovcu :
Tam med angeli vesela [Dort unter den Engeln fröhlich]
nam naproti se smeji [lächelt sie uns entgegen,]
vsmiljen Jezus jo zdaj vodi [der bamherzige Jesus führt sie nun]
v vrtu svoje milosti. [im Garten seiner Gnade]
Dem früh verstorbenen Kind Peter Čerk (18. Juni
1908–21. Dezember 1913) ist am Friedhof von Diex/
Djekše auf der → Saualpe/Svinška planina ein ebenso
intimistisches Abschiedsgedicht gewidmet, wobei die
Tradition der G. für die Toten bzw. Gefallenen aus
beiden Weltkriegen aus derselben Familie (nunmehr
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Subtitle
- Von den Anfängen bis 1942
- Volume
- 1: A – I
- Authors
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 542
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55