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Identität, territoriale
Identität oder des Selbstseins abgeleitet werden oder
diese entwerfen.
Auktoriale Identität ist irrelevant für mündliche Li-
teratur und von geringer Bedeutung für Literatur, die
Intertextualität schätzt, weil der Wert an individueller
Originalität und Innovation relativ gering ist. In sol-
chen Literaturgattungen ist die glaubhafte Wiedergabe
oder die passende Aneignung das Ziel der Textdarbie-
tung oder Produktion. Mit der Aufklärung kommen
Fragen zu auktorialer und personaler Identität auf den
Prüfstand.
Ein Zusammentreffen ökonomischer, politischer
und religiöser Faktoren begründete die moderne phi-
losophische Beschäftigung mit dem Ich. Descartes,
Montaigne, Luther und andere sind als Pioniere
in Bezug auf das Denken und Schreiben über das Ich
bekannt geworden. Rousseau hat die erste moderne
Autobiografie verfasst, und mit den Romantikern (z. B.
Coleridge und Wordsworth) begannen kreativer
Ausdruck und philosophische Theorien zur personalen
Identität zusammenzulaufen. Der Wechsel im westli-
chen Denken, der hier zum Ausdruck kommt, hatte
weniger Einfluss in der streng römisch-katholischen
Habsburgermonarchie, in der die Slowenen lebten
(→ Jansenismus).
Trotz ernsthafter Bedenken über die Beständigkeit
des individuellen Ichs im Laufe der Zeit (von Hume
bis Parfit) hat sich das »Konstrukt Autor« für Litera-
turwissenschafter und generell für Historiker und Poli-
tiker, die darauf besonders in Bezug auf mitteleuropäi-
sche nationale und regionale Identitätsbildung vertraut
haben, als notwendig erwiesen. Im Falle Kärntens legi-
timiert ein Autor wie Urban →
Jarnik (1784–1844)
Kärntner Forderungen nach literarischer Signifikanz
im Slowenentum zu Beginn der nachaufklärerischen
Zeit (→ Aufklärung). Die auktoriale Identität Jarniks
und späterer Kärntner Autoren war nützlich, um eine
regionale ethnische Identität aufzubauen.
Der Verlauf von Jarniks Schriftstellerkarriere – von
Lyrik über folkloristische, historische und philologi-
sche Studien und die damit verbundenen Arbeiten
– ist sinnbildlich dafür, dass die literarischen Gattun-
gen die Untersuchung des Ichs im Kontext der slowe-
nischen Literatur des 19. Jh.s einschränken. Mit dem
Aufschwung regionaler Prosa in Europa seit 1870
wurde deutlich, dass dem Autor durch das Betonen
soziogeografischer Zusammenhänge und Traditionen
die Rolle eines Ethnografen zukommt, ganz nach am
Vorbild von Jarniks Karriere. Der Erzähler in Jakob → Skets (1835–1912) bekannter Geschichte über die
Türkenkriege, Miklova Zala (1884), ist ein historischer
Ethnograf. Die Kärntner Regionalprosa aus der Zeit
vor dem Zweiten Weltkrieg gipfelte in der Arbeit von
→ Prežihov Voranc (Lovro Kuhar, 1893–1950),
der oft alternativ als Sozialrealist kategorisiert wird. In
Milka → Hartmans Lyrik der 1930er-Jahre ist das
Motiv eng mit der Kärntner Landschaft in der Tradi-
tion der Kärntner Lyrik verbunden.
Wenn europäische Schriftstellerei über die Ich-
Identität dazu tendiert, einen der drei Aspekte – den
metaphysischen, sozialen oder physikalischen – in den
Vordergrund zu stellen, müsste man sagen, dass Kärnt-
ner Literatur den sozialen und ländlichen Kontext her-
vorhob. Auktoriale Identität und die Betrachtung der
personalen Identität waren kompliziert, da viele Kärnt-
ner Autoren Pädagogen oder Pfarrer oder beides wa-
ren, die in slowenischen Organisationen mitarbeiteten.
Daher hatte die auktoriale Identität überwiegend eine
soziale Funktion. Nach der →
Volksabstimmung 1920
nahm das Interesse, die slowenische Gemeinschaft zu
erhalten, immens zu und die kommunale Funktion des
Autors wurde immer wichtiger.
Bereits zu diesem Zeitpunkt und während des Zwei-
ten Weltkrieges wurde durch die oft schrecklichen
Erfahrungen junger Autoren die Basis für die Erinne-
rungsliteratur, die im Laufe der darauffolgenden sechs
Jahrzehnte publiziert wurde, gelegt. Diese Gattung und
das Aufblühen der Dichtung belegen einen Wechsel
vom sozialen zum individuellen Aspekt der personalen
Identität im doppelten Sinn, auktorial und persönlich.
Lit.: A. Leben : Die slowenische Literatur in Kärnten. Klagenfurt/Ce-
lovec 1994 ; R. Vospernik, P. Zablatnik, E. Prunč, F. Lipuš : Das slo-
wenische Wort in Kärnten, Slovenska beseda na Koroškem. Wien 1985 ;
P. Štih, V. Simoniti, P. Vodopivec : Slowenische Geschichte. Graz 2008 ;
J. Seigel : The idea of the self. Cambridge 2005 ; M. Hladnik : Slovenska
kmečka povest. Ljubljana 1990 ; F. Zadravec : Prežihov Voranc : Jamnica.
In : Slovenski roman 20. stoletja, prvi analitični del. Ljubljana 1997,
65–73 ; M. Juvan : Žanrska identiteta in medbesedilnost. In : PK 25/1
(junij 2002) 9–26 ; M. Juvan : Stil in identiteta. In : JiS 48/5 (sept.–okt.
2003) 3–18.
Tim Pogačar
Identität, territoriale, Selbstbild der territorialen, regi-
onalen oder örtlichen Zugehörigkeit einer Person oder
Gruppe, die mit einer sprachlichen oder ethnischen
Identität identifiziert werden kann, aber im histori-
schen Kontext vor der Bildung der Nationalstaaten mit
diesen nicht notwendigerweise übereinstimmt. Die t. I.
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Subtitle
- Von den Anfängen bis 1942
- Volume
- 1: A – I
- Authors
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 542
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55