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und Umgestaltung von Klöstern wiederum christliches Leben in seinen Sprengeln zu wecken
und durch Herbeiziehung von Priestern ans strengeren Orden den Verfall der Zucht auf-
zuhalten. Ein reger Wetteifer für höhere Ausbildung beseelte bald allgemein die Kloster-
brüder; Lehre und Beispiel weckten Nachahmung, ja sie zogen gar Manchen ans dem
wüsten Weltgetümmel in die stille Zelle und drückten ihm statt des Schwertes die Feder
in die Hand, um die Schriften der heiligen Väter oder der Dichter des Alterthums
abzuschreiben. In der beschaulichen Ruhe erhob sich der Geist wohl auch in weihevoller
Stimmung zum Lobgesang Gottes, zur dichterischen Bearbeitung der heiligen Schrift, die
Legende folgte, bis die Weltchroniken zur Verherrlichung der Helden nud zum weltlichen
Liede überführten.
Diesen Gang geht die ältere deutsche Dichtung in Körnten und ihr Einfluß erstreckt
sich bald über die Nachbarländer bis hinaus an die Donau. Gerade zur Zeit des heftigsten
Streites zwischen Kaiser und Papst (vor 1088) war am Nordufer des Millstatter Sees eiu
Beuedictinerkloster erstanden, welches bald der Träger der geistlichen Dichtung im Lande
wurde. Von der Hand eines Mönches dieses Klosters rührt zweifellos die Pergament-
handschrift her, die, gegenwärtig im Besitz des kärntnischen Geschichtsvereines, ein kleiner
poetischer Hausschatz für die damalige Zeit genannt werden kann.
Diese Handschrift enthält vor Allem eine dichterische Bearbeitung des ersten und
zweiten der Bücher Moses. Mit kindlicher Naivetät schildert der Dichter besonders
das Paradies und die Sündflut uud nicht minder anziehend weiß er die Schilderung des
Auszuges der Jfraeliteu aus Egypten und die Ausrüstung der beiden Kriegsheere nach
altdeutscher Weise und unter Führung von Herzogen und Grafen, die zur Heerfolge
aufgeboten wurden, zu gestalten. Aber auch noch andere Reimdichtungen enthält die
Sammlung; so den symbolisirenden ?kxsioIvAus; ein Gedicht „Vom Rechte"; ein
weiteres „Vom Verlornen Sohn"; den Anfang des Gedichtes „Vom himmlischen
Jerusalem" und endlich ein Gedicht „Von der Hochzeit", eines der lieblichsten älteren
Gedichte mit parabolischer Schlußdeutung, dessen Inhalt sich, wenngleich abgeblaßt, in
einer oberkärntnischen Sage noch bis auf den heutige» Tag erhalten hat. Die beigegebenen
Zeichnungen sind mit schwarzer, rother und blauer Tinte ausgeführt.
Auch die Legeudendichtung blühte um diese Zeit in Körnten, wenngleich nur mehr
Bruchstücke, die sich im Canonieatsarchive zu Maria-Saal vorfanden, davon Zeugniß
geben. So unter anderem ein Johannes der Täufer vou einem Priester Adelprecht und der
Anfang einer Legende vom heiligen Veit. Fügen wir noch hinzu, daß das in der steirifchen
Vorauer Handschrift enthaltene Gedicht „Von der Wahrheit" auch mit größter Wahr-
scheinlichkeit einen kärntnischen Dichter zum Verfasser hat, daß das sogenannte Liemberger
Bruchstück der Kaiserchronik Zeuguiß gibt von dem Vorhandensein einer der ältesten
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Kärnten und Krain, Volume 8
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Kärnten und Krain
- Volume
- 8
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1891
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 16.41 x 23.03 cm
- Pages
- 532
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch