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reichste und mächtigste Familie des Comitats, das in gewissem Grade mit ihr identificirt
wurde; das Wappen der Familie wurde in das Herzschild des Comitatswappens ein-
gefügt, wo man es noch heute sieht. Hieraus erklärt es sich, daß Nagy-Käroly, obgleich
weder durch seine geographische Lage noch durch die Zahl seiner Bevölkerung dazu in
erster Reihe geeignet, dennoch der Mittelpunkt des Comitates blieb. Und dem ver-
dankt es in vielen Stücken auch seinen Aufschwung. Das Comitatsleben, welches Dank
dem zahlreichen Adel des Szatmärer Comitats sich zu allen Zeiten besonders bewegt
gestaltete, zog die Adelsfamilien des Comitats theils zu bleibendem, theils zu zeitweiligem
Aufenthalt dahin und machte Nagy-Käroly auch in gesellschaftlicher Beziehung zu einem
bedeutenden und interessanten Mittelpunkt im Osten des Landes. Der große Saal seines
alten großen Gasthofes „zum Hirsch" war in ein Theater verwandelt, und in der
Geschichte des ungarischen Provinz-Schauspielwesens galt es stets für eine der besseren
Stationen. Seit kurzem ist übrigens ein hübsches Sommertheater vorhanden. Auch die
ungarische Zigeunermusik ist zum Theil da zu Hause. Der vornehmere Szatmärer Edel-
mann lehrte selber dem Zigeuner die ungarischen Weisen entweder auf seinem ländlichen
Schlosse, wohin er die Zigeunerbande zuweilen auf Monate mitnahm, oder im Gasthofe,
und aus dieser Schule ist mancher im ganzen Land berühmte Musiker hervorgegangen.
Außer der Musik fand da noch ein anderes Lieblingsvergnügen, die Jagd, reichliche
Pflege, Dank den Äckern und Wäldern, sowie dem Ecseder Moor, in dem noch um 1830
auf den sumpfigen Strecken bei Särvär Wildschweine und Rehe gejagt wurden.
Die Bevölkerung des Städtchens hat sich im laufenden Jahrhundert ungefähr
vervierfacht. Die einzelnen Industriezweige haben sich entwickelt. Die Industrie der Guba-
mäutel ist bedeutend aufgeblüht und zeigt nur in den letzten Jahren einen gewissen
Rückgang. Im Avas-Lande, zu Avas-Ujfalu, besteht eine eigene Walke, und obgleich
die Betreffenden jetzt als Jndustriegenossenschaft der Gnbaschneider constitnirt sind,
werden sie doch durch diese Walke im alten Znnstsystem zusammengehalten. Mit ihren
Waaren reisen sie bis an die polnische Grenze und versehen, in Gemeinschaft mit ihren
Szatmärer Collegen, die ganze bäuerliche Bevölkerung dieses Landestheils mit den hier
von Magyaren uud „Walachei!" gleicherweise getragenen verschiedenfarbigen Guba-
mänteln. Ebenso hat sich die Lederindustrie erfreulich gehoben; außer der gewöhnlichen
Waare werden auch russische Juchten und Kutschenleder in guter Qualität erzeugt.
Daneben finden wir in Nagy-Käroly anerkennenswerthe und bedeutsame Anzeichen
dafür, daß die höhere Kunstindustrie in Entwicklung begriffen ist, besonders die Kunst-
schreinerei uud Kunstschlosserei. In neuester Zeit hat Nagy-Käroly selbst erfolgreiche
Versuche gemacht, einige Erzeugnisse des Handwerks in das Ausland zu exportireu.
Aus Binsen hübsch geflochtene Marktkörbe, Arbeitskörbchen, Tabaksdosen, Cigarrentaschen
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (2), Volume 9
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (2)
- Volume
- 9
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1891
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.56 x 21.98 cm
- Pages
- 682
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch