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Am Anferstchnngstagc folgt die fromme Bevölkerung unbedeckten Hauptes,
Psalmen singend, dem nnter glänzendem Baldachin einhergetragenen Venerabile, der
Christusfigur und der in vollem Ornat mitziehenden Geistlichkeit dnrch die Straßen von
Kirche zu Kirche.
Vor wenigen Jahrzehnten wurde die Große Stationsgasse die ganzen großen
Fasten hindurch von Prozessionen ans dem Arbeiterstande durchzogen. Am Ende dieser
Gasse befindet sich eiu Platz mit einem Hügel, dem Calvarienberg. Die Nischen der
„Stationen" waren die Straße entlang, bei der Kirche beginnend, an den Hänsern selbst
angebracht nnd enthielten in Freseodarstellnng die einzelnen Scenen der Passion. Vor
jeder solchen Nische hielt die Menge an nnd kniete nieder, worauf der Führer des Znges
aus seiuem Büchlein die hierauf bezügliche Stelle vorlas, welche ihm die übrigen Getreuen
mit leiser Stimme nachsagten. Die Hausbesitzer, welchem Bekenntniß immer sie angehörten,
schmückten die heiligen Bilder an diesen Tagen mit Blumen nnd brennenden Lampen.
Hentigentags fallen die andächtigen Umzüge außerhalb der viel begangenen Straßen;
die Stadt breitet sich ans, man wird den Calvarienberg weiter hinausrücken, und an den
nengebanten Häusern gibt es keine Passionsbilder mehr. Doch findet sich anch die alte
Andacht noch an den Kirchtagen der Vorstädte, welche an dem jährlichen Kalendertage
des Heiligen, dessen Namen die betreffende Kirche trägt, ganz nach Art der Dorfkirchweih-
feste abgehalten werden.
Der Glanzpunkt der Andachtsfeste in der Hauptstadt ist das iu die Mitte des
Sommers fallende Fest König S tephans , des ersten Nationalheiligen des Landes. Es
pflegt in der Ofener Festung abgehalten zn werden. Am 20. August, frühmorgens schon,
rückt das Militär mit Eichenlaub geschmückt aus, um von der Garnisonskirche bis an das
königliche Schloß ein Spalier zu bilden. Das hinter den Reihen der Soldaten wogende
Pnbliknm zählt uach Zehntansenden. Auch die Fenster der Plätze und Gassen sind mit
Damenköpfen besetzt, mit Teppichen, Blumengewinden nnd Fahnen geschmückt. Die
Prozession, die uuter Glockeuklaug vou der St. Sigmuudskapelle in dem königliche»
Schlosse ausgeht, wird durch die katholische» Gesellenvereine eröffnet; ihnen folgt eine
Schar weißgekleideter und bekränzter Mädchen und diefeu die Ehreucompaguie (ehemals
die Burgerwehr) mit Militärmnfik. Sodann kommen die Pfarrer Budapests uud uach
ihueu, vou vier Capläueu auf deu Schultern getragen, der prächtige Reliqnienschrein, unter
dessen Krystalldeckel die uralte Reliquie, die rechte Hand des ersten Königs, zn sehen
ist. Ihr zn beiden Seiten schreiten, Spalier bildend, die Trabanten der Kronwache einher,
in scharlachnen Dolmänys nnd Stahlhelmen, breite Hellebarden in der Faust. Hinter der
„heiligen Rechten" folgt der hohe Clerns, Äbte, Domherren n. f. w., nnd schließlich der
Für st Pr imas im Cardinalspnrpnr mit glänzender geistlicher Begleitung, nnter einem
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch