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Gesellschaftliches und politisches <eben.
Zur Buntheit des Bndapester Volkslebens trägt im Allgemeinen jene leichtblütige,
geräuschvolle Unterhaltuugslust, die wir in anderen Hauptstädten sehen, uur wenig bei.
Dem Studeuteulebeu fehlen die Burschenschaften; es gibt keine Conlenrstndenten und vou
ihueu veranstaltete laute Commerse und Paukereien, Mau begegnet nicht jener vier-
schrötigen guten Laune, wie sie etwa das Ausschänken des Münchner Salvatorbieres
begleitet, und ebensowenig den Gebräuchen bei der Freisprechung von Handwerksgeselle«.
Es gibt keine Nadille, Lloserie ckes I^ilas, klvulin und wie die Privilegien
Nester der frivolen Lustbarkeit soust heißen mögen.
Orphenms, Singspielcafes gibt es allerdings anch in Budapest geuug, doch habe»
diese uur ein Publikum, das bis zu einem bestimmten gesellschaftlichen Niveau hinanreicht;
Andere besuchen sie uur hier uud da einmal aus Neugierde, uud an äußerem Glanz können
sie sich durchaus uicht mit den ausländischen messen.
Dagegen liebt das Bndapester Volk ernsthaftere Schaustellungen nicht wenig.
Es gibt keine Classe, welche die Museeu uicht besucht. Jede Ausstelluug oder Kunstschau
hat ein großes Publikum und die Theater sind, selbst wenn man die Tranerspiele von
Shakespeare nnd Sophokles spielt, in allen Ränmen gefüllt. Daß in Budapest auch deu
Sommer hindurch zwei Theater Vorstelluugeu gebeu, ist ein Beweis, wie jene Volks-
classen, welche keine Sommerwohnung beziehen können, bei der Knnst ihre Erholung
suchen. Bei Vortrügen ernster Natnr, wie sie die ungarische Akademie der Wissenschaften,
die Kisfalndy- und Petöfi-Gefellfchaft und noch viele andere Vereine zur Pflege der
Wissenschaft veranstalten, sind die Sitzungssäle der Akademie mit einer Zuhörerschaft
erfüllt, die ein'warmes Interesse an den Tag legt.
Übrigens trägt die große Zahl und bequeme Einrichtung der Budapester Bäder
viel bei, um der Bevölkerung sommerliche Erfrischung zu bieteu. Mau hat die Wahl
zwischen acht verschiedenen Bädern und die Fahrt dahin mittelst der Omnibusse kostet
nicht mehr als sechs Kreuzer, ja es gibt auch Freibäder für das Volk.
Zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes bestehen zahllose Clubs,
Vereine und Casinos. Jede gewerbliche Classe hat ihren eigenen Verein, der dem geselligen
Verkehr uud anch wohlthätigen Zwecken dient; jeder Stadttheil hat sein Casino. Unter
diesen ist das vornehmste das durch den Grasen Stephan Szechenyi in den Dreißiger-
Jahren gegründete „erste Nationalcafino", das in seinem eigenen, mit echt herrschaftlicher
Pracht eingerichteten Palaste als Sammelplatz für die Vornehmen des Landes, Magnaten
wie Gelehrte, dient. Seine Bibliothek gehört zu deu reichhaltigste». Außerdem gibt es
das Laudescasiuo, deu geselligen Verein der Beamten, die besonderen geselligen Vereine
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch