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Pest, so dicht waren alle Tribünen, Schaustände und Fenster mit Publikum besetzt, dessen
begeisterte Äjens keinen Augenblick verstummten.
Auf dem Pfarrplatze war eine Stufenestrade aufgeschlagen und mit kostbaren
Teppichen bedeckt; zu beiden Seiten derselben nahmen die beiden Häuser des Reichstages
Stellung. Vor die Estrade gelangt, schwang sich der König leicht vom Rosse und stieg
festen Schrittes die Stufen hinan. Vor ihm her schritten der Oberststallmeister mit dem
Reichsschwerte und der Bischof mit dem apostolischen Kreuz. Hinter ihm folgten die
Erzbischöse, die Minister und der Leibgardeeapitän. Die Bischöfe und Magnaten umringten
zu Pferde die Estrade. Und hier, unter Gottes freiem Himmel, das Antlitz nach Osten
gewendet, die Rechte mit drei ausgestreckten Fingern zum Himmel erhoben, mit der Linken
das Crucifix an sein Herz drückend, sprach der König dem Fürstprimas, der die Worte
vorsagte, den Eid nach, durch den er sich verpflichtete, die Verfassung des Landes aufrecht-
zuerhalten. Das ganze Publikum hörte deu Eidschwur unbedeckten Hauptes, in tiefer
Stille. Nach der Eidesleistung gab der Ministerpräsident das Zeichen zu dem Heilsjubel,
den weder die Gewehrsalven, noch die Trommelwirbel zu übertönen vermochten und auch
die Kauonen des Blocksberges nur stärker betouten. Zum Gedächtniß dieses Ereignisses
wird der einstige Pfarrkirchenplatz nun Schwurplatz genannt.
Als der Eid geleistet war, verließ der apostolische König die Tribüne und bestieg
wieder sein Pferd, worauf der Festzug sich iu der früheren Ordnung nach dem Krönungs-
hügel begab. Dort angelangt, sprengte der König im Galopp den Krönungshügel hinan.
Das weiße Roß, als wüßte es selbst, daß es als Mittel zu solch erhabenem Acte ausersehen
war, bäumte sich auf der Höhe des Hügels und eourbettirte fortwährend auf den Hinter-
füßen. Der König (der erste Reiter seines Reiches) saß sicher im Sattel und wandte das
Pferd nach den vier Weltgegenden, indem er mit dem Schwerte Stesan des Heiligen
der Überlieferung gemäß die vier Streiche that, als Sinnbild, daß er dieses Land gegen
jeden, von welcher Seite immer drohenden Feind vertheidigen werde.
Dies war der Beschluß der amtlichen Form des epochemachenden verfassungs-
mäßigen Nationalfestes. Es folgte nun die formelle königliche Tafel in der Ofner Burg,
wobei die Speisen nur aufgetragen und wieder abgetragen wurden. Auch dies gehört ins
Programm und beschließt die Feierlichkeit. Im Pester Stadtwäldchen aber wurde das
traditionelle Volksgastmahl abgehalten mit gebratenen Ochsen und Weinvertheilung.
Auf die für die Verfassung wichtige Krönungsfeier folgte anderen Tages (am
Pfingstmontag) das Freudenfest der Hauptstadt, das mit einer Reihe der schönsten Volks-
scenen begann. Damals waren Ofen und Pest noch zwei gesonderte Städte, und die
beiden Städte zogen vor den König hin, um zum Zeichen der Huldigung die Geschenke
des Volkes darzubringen. Die darbringende Abordnung wurde durch die Präsidenten des
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch