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Director nach Budapest, um die Bilder, deren Erwerbung ihm durch das kunstgeschichtliche
Interesse geboten schien, auszuwählen. Der berühmte Kunstkenner Otto Mündler, einst
einer der Schätzmeister des Louvre, auch Boxall, Director der Londoner Gallerie, und
der Wiener Maler Van Haanen untersuchten, jeder selbständig, die Bilder und schätzten
die Sammlung, unabhängig vou einander, auf ungefähr drei Millionen Francs. Auf
Grund dieser übereinstimmenden Schätzungen kauften 1871 die ungarische Regierung und
der Reichstag jene bedeutenden Kunstschätze, denen sie dann noch die alten Gemälde des
Ungarischen Nationalmuseums hinzufügten. So entstand die Landes-Bildergallerie, die
seitdem noch durch eine interessante Serie alter Bilder aus dem Besitze Arnold Jpolyi's,
Bischofs von Neusohl, bereichert wurde und auch ans der jährlichen Dotation, wenn-
gleich in geringem Maße fortgesetzt vermehrt wird.
Die Landes-Bildergallerie kann sich zwar nicht mit den Gemäldegallerien der großen
europäischen Hauptstädte messen, nimmt jedoch unter den Gallerten zweiten Ranges eine
vornehme Stelle ein und ist in knnstgeschichtlicher Hinsicht beachtenswerther als alle
Provinzgallerien Deutschlands und Frankreichs. Die Serien aus den alten nmbrischen
nnd toscanischen Schulen sind zwar sehr lückenhaft, lehren uns aber dennoch durch einige
ganz wichtige Bilder mehrere hervorragende Künstler kennen. So befinden sich da sehr
sorgfältig gemalte Madonnen von Bernardino Betti (II ?intorieelüc>) aus Perugia und
von Marco Palmezzauo ans Forli, von Rafael Santi aber die weltbekannte „Madonna
mit Jesus und dem heiligen Johannes", ganz besonders interessant, weil sie unvollendet
ist und daher das technische Verfahren des Meisters erkennen läßt. Unter den Werken der
florentinischen Meister steht an erster Stelle die „Anbetung Jesn" von Rndolso Ghir-
landajo. Besser läßt sich in der Landes-Bildergallerie die lombardische Malerei verfolgen.
Von der ältereu Periode gibt Ambrogio Borgoguoue's „Beweiuuug Christi" eine Vor-
stellung. Die herrlichen Madonnen seines Schülers Bernardino Lnini gehören zu deu
schönsten Perlen der Sammlung und noch weit höheren Kunstwerth hat Bernardino de
Conti's „Maria mit dem Jesuskind", das gleich anderen Bildern dieses Malers, zum
Beispiel die „Madonna Litta" in St. Petersburg und die „Lelle k'eri'oniere" in Paris,
lange Zeit dem Leonardo da Vinci zugeschrieben war. Endlich besitzt die Gallerie auch eine
reizende „Heilige Familie" von Sodoma, einem der Größten der lombardischen Schnle,
dem Nebenbuhler Rasaels. Die Bilderreihe aus der veuetianischen Schule im strengeren
Sinne ist außerordentlich reich. Die Malmerkstätte von Mnrano ist dnrch eine interessante
Madonna vertreten, die man füglich dem Antonio Vivarini selbst zuschreiben kann.
Für die Zeit der Bellini sind kennzeichnend Gentile's Meisterbildniß der Caterina
Cornaro, Königin von Cypern und Basaiti's „Heilige Katharina". Aus der Glanzzeit der
venetianischen Malerei sehen wir ein Bildniß von Giorgione, das seinem „Malteserritter"
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch