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war an kraftvoller Sprache, schonungsloser Kritik und ätzender Satire. Er ist ein ebenso
ausrichtiger Vertheidiger des Volkes, als schonungsloser Angreifer der Herren. Niemals
ermattet er im Kampfe, in der Begeisterung für die Unterdrückten, und er macht mit
ebensoviel Lust die bestehende gesellschaftliche Ordnung lächerlich, als einzelne hervor-
ragende oder unbedeutende Repräsentanten derselben, vom römischen Papst angefangen
bis hinab zum letzten Mönch.
Dieser düstere Ton, diese dunkle Bitterkeit der Religionsfehden und Nügegedichte
führt zur Entstehung der sogenannten dialogisirten Satiren, die in der Geschichte des
ungarischen Dramas einen wichtigen Wendepunkt bezeichnen. Zwar blühten die Mysterien,
deren man neuerdings ziemlich viele aus dem Volksmunde gesammelt hat, ohne Zweifel
auch hierzulande schon im XIII. nnd XIV. Jahrhnudert, sie blieben jedoch sehr wahr-
scheinlich auf der Stufe stehen, wo sie noch gleichsam Bestandtheile der kirchlichen Liturgie
bildeten, und konnten sich nicht zum selbstäudigeu weltlichen Drama entwickeln. Das
ungarische Drama darf mit größter Wahrscheinlichkeit jene Komödie als seine Stammmutter
betrachten, die im XVI. Jahrhundert als Nachahmung der italienischen Bühnenstücke nnd
der deutschen Schuldramen auch in Ungarn einige fruchtbare Triebe angesetzt hat. So
schrieb zu dieser Zeit Michael Sztaray die dialogisirten Satiren: „Des wahren Priester-
thums Spiegel" und „Der Priester Ehe", mit denen er die Reihe der ungarischen
Schuldramen eröffnete, welche sich dann in ungestörter Entwicklung über fast drei Jahr-
hunderte erstrecken sollte. Zur Zeit der literarischen Wiedergeburt, in der zweiten Hälfte
des XVIII. Jahrhunderts, nahm das ungarische Drama einen weiteren Aufschwung; bis
dahin habeu wir nur eines einzigen Dramas knrz zu erwähnen, das aber auch weniger ein
Drama, als ein Zeitbild ist. Es ist dies die „Komödie von Meinhard Balassis Verrath"
(Xomeckia IZalassi ^lenzliärt ärultatäsärül), welche eiueu der schlimmsten und charakter-
losesten Männer des XVI. Jahrhunderts, den tapferen, aber räuberischen Magnaten, in
dem der Verfasser alle Tatenlosigkeit, allen berechnenden Cynismus der Zeit personifizirt,
vor uns an den Pranger stellt. Der ungenannte protestantische, vermuthlich unitarische
Dramatiker macht in der Person des Erzbischofs von Gran den ganzen Katholizismus
zum Gegenstand des Hohns, während er der Klage und der Rache des armen, durch
beutegierige Herreu gepreßten Volkes eine scharfe Stimme leiht. Balaffi tritt, um die von
König Sigismnnd ihm verliehenen Burgen auch unter König Maximilian behalten zu
können, zur katholischen Religion über und beichtet dem Erzbischos von Gran, Nikolaus
Oläh, nach einander alle seine fürchterlichen Verbrechen. Diese Beichte ist der vorzüglichste
Theil des Werkes; er beginnt die Aufzählung der Missethaten bei den Diebereien seiner
Kinderjahre und kommt dann zu den Gewalt-, Raub- uud Mordthaten, deren er gar kein
Ende findet, so daß der Erzbischof schon ungeduldig wird. Aber der gewissenlose Bösewicht
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch