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Richtung des vorigen Jahrhunderts weiterentwickelte, indem sie die Religionsfehden noch
mehr ausbildete und verbitterte, selbst die kirchliche Beredsamkeit und Bibelerklärung in
den Kampf hineinzog und das Feld der kirchlichen Literatur gewaltig ausweitete. So
erscheint es natürlich, daß im XVII. Jahrhundert die Sprache ungewöhnliche Fortschritte
machte, nicht nur in der Literatur, sondern auch im öffentlichen Leben und geselligen Verkehr.
Es ist unnöthig, die geringeren Vertreter der literarischen Thätigkeit dieses Jahr-
hunderts hier aufzuzählen, denn wir köuueu uns in der geistlichen und weltlichen Literatur
mit großen Gestalten beschäftigen, welche die Ideen ihrer Zeit so treu und charakteristisch
verdolmetschten, daß die ganze Nation ihre Wirkung empfand. Wenn die geschwächte
Kraft der katholischen Kirche in Ungarn wieder erstarkte, so hat dafür Niemand mehr
gethan als Peter Päzmäny (1570—1637), der „ungarische Cicero im Purpur", der
fast dreißig Jahre hindurch der Führer seiner Glaubensgenossen im Feldzug der Gegen-
reformation war.
Peter Päzmäny, dieser Manu von außerordentlicher Rednergabe, polemischer
Leidenschaft und logischer Schärfe, führte, noch im Ausland weilend, gegen einige
protestantische Prediger, meist unter verschiedenen Pseudonymen, scharfe literarische
Fehden, und als er 1607 uach Ungarn heimkehrte, galt er den Protestanten bereits als
einer ihrer furchtbarsten Gegner. Die erste glänzende Probe seines Rednergenies legte er
auf dem Reichstag 1608 als Vertreter der Probstei Thuröcz ab und wurde, obgleich nur
einfacher Jesuit, auch in die Kreise des Hochadels hineingezogen, wo er gleichsam die
Seele der Gesellschaft war. So ist es nicht zu verwundern, daß er etwa dreißig hoch-
adelige Familien in den Schooß der katholischen Kirche zurückführte, auch am königliche»
Hofe eine große Rolle spielte und an der Seite Ferdinands II. während des dreißig-
jährigen Krieges vou bedeutendem Einfluß auf die Leitung der politischen Angelegen-
heiten war, „eifrig bestrebt, die Interessen des Hofes, der katholischen Kirche und seiner
Nation zu versöhnen". Doch war er damals, von 1616 an, bereits Erzbischos von Gran,
welche Würde er zweiundzwanzig Jahre lang bekleidete.
Selbst von den größten Männern Ungarns fühlten damals nur wenige, welche
Wendnng in den literarischen Fehden der Religion eintreten müsse. Päzmäny sieht es schon
als einfacher Grazer Jesuit vorher, daß seine Zeit bald kommen muß und daß sein Genie
von einer ungeheuren Machtstufe herab die kirchlichen nnd politischen Angelegenheiten des
Vaterlandes lenken wird. Fast in jedem Jahre gibt er eiu ungarisches Buch heraus, iu
dem er die Schriften der hervorragendsten ungarischen Protestanten zu entkräften, ihre
Gründe durch die schärfste Dialectik umzukehren, ihre Worte oft gröblich zu verdrehe»
trachtet, seine eigenen Argumente aber mit geistlichen uud kirchlichen Autoritäten und
biblischen Citaten nmschauzt, seine Gegner mit blutigem Hohn verwundet oder lächerlich
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch