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Wenn schon der Niedergang des Bergwerksbetriebes in einzelnen Gebieten eingreifende
Veränderungen im gewerblichen Leben hervorrief, so brachte die Eröffnung der Schienen-
wege eine vollständige Umwälzung hervor. Mit welch vernichtender Gewalt diese Umwäl-
zungen im Verkehrsleben alte Zustände beseitigt und eine ganz neue Lage geschaffen
haben, kann man sich am besten vor Augen führen, wenn man die nun halb verödeten
Ortschaften an den altberühmten Verkehrsstraßen, die von Österreich und Deutschland
nach Italien führten, betrachtet.
Infolge dieser neugeschaffenen Lage haben die einzelnen Landestheile, ihren natür-
lichen Verhältnissen entsprechend, sich mehr oder minder selbständig entwickelt und müssen
daher auch einzeln in Betracht gezogen werden. Das Land Vorarlberg hat als vorzugs-
weises Industrieland schon Decennien vor Eröffnung der Schienenwege eine ganz andere
volkswirthschaftliche Entwicklung durchgemacht als Tirol, mit dem es nur das politische
Band gemeinsam hat.
In Nordtirol hat die Landwirthschaft stabilere Verhältnisse als in Südtirol, eine
gleichmäßigere Vertheilung des prodnctiven Bodens und keine solchen Schwankungen im
Ertrage als in Südtirol. Dieser Umstand ist von merkbarem Einfluß auf das Gewerbe,
dessen Verhältnisse ebenfalls stabilere sind als im südlichen Landestheil. Im Jahre 1885
gab es in Nordtirol 10.014 Hauptgewerbe, mit welchen noch 696 Nebenbeschäftigungen
ausgeübt wurden. Das Gebiet der gewerblichen Industrie weist zwei Eisengießereien auf,
eine Eisen- und Stahlhütte, ein Metallhüttenwerk. Die Fabrication von Eisen- und
Stahlwaaren ist im Allgemeinen gut vertreten. Leider aber befindet sich die ehemals
dies- wie jenseits des Brenners im großen Umfang betriebene Sensensabrication infolge
der Absperrung des auswärtigen Marktes in stetem Rückgange und beschränkt sich gegen-
wärtig auf wenige Betriebsstätten, die mit Maschinen betrieben werden, wie sie die gegen-
wärtige Entwicklung dieser Industrie verlangt. Das Gewerbe der Schmiede, Schlosser und
Nagelschmiede liefert das größte Contingent, obfchon es sich in stetem Rückgang befindet.
Im Bezirk Rattenberg besteht eine Messing-, in jenem von Schwaz eine leonische Fabrik.
Die Glockengießerei wird in beachtenswerthem Umfang ausgeübt und ist im Aufschwung
begriffen. Als der wichtigste Fabrieationszweig in Nordtirol muß die Cementindustrie
angesehen werden. Wir haben zehn Betriebsstätten, worunter aber im Wesentlichen nur die
im Bezirk Kufstein befindlichen in Betracht kommen. Hier wird auch der Portland-
Cement erzeugt, ein Fabrikat, das von keinem anderen an Güte übertroffen wird. Die
Industrie beschäftigt bei 1.000 Personen und drückt dem ganzen Bezirk in wirthschaftlicher
Hinsicht das Gepräge auf, da auch viele andere Gewerbe von ihr direct und indirect
profitiren. Die ehemals blühende Glasindustrie weist nur mehr eine Betriebsstätte auf.
Die Industrie in Holz ist durch nahezu 200 Brettersägen, deren Zahl in letzter Zeit durch
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Tirol und Vorarlberg, Volume 13
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Tirol und Vorarlberg
- Volume
- 13
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 16.12 x 23.1 cm
- Pages
- 624
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch