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gesinnten Männern zu besetzen. Das Ernennungsrecht für das Consistorinm zurückzu-
gewinnen, war daher ein weiteres Ziel ihrer Bemühungen.
Die Entscheidung fiel ans dem denkwürdigen Landtage des Jahres 1575, der bei
ununterbrochener Gegenwart des Kaisers in drei Fortsetzungen im Ganzen sieben Monate
dauerte. Die Utraqnisten verlaugten gleich zu Beginn des Landtages, es möge vom Kaiser
die Zulassung der Augsburger Consessiou erbeten werden. Bemerkeuswerth ist, daß uuter
den utraquistischeu Mitgliedern der Versammlung nur noch ein einziges, Herr Johann
von Waldstein, sich erhob, um die alte Lehre der Utraquisteu, das nationale Glaubens-
bekenntniß des Johann Hns, gegen die neue Lehre zu vertheidigen. Größere Schwierig-
keiten bereiteten die „böhmischen Brüder". Wie die herrschende Partei der Utraqnisten
aus der husitischen Bewegung hervorgegangen, hatten sie wie diese im Laufe der letzten
Jahrzehnte ihr Glaubensbekenntniß nach und nach geändert, aber nicht nach der lutherische»,
sondern nach der calvinischen Seite hin. Nun wünschten aber die Utraqnisten, daß auch
die Brüder ihre Bitte um Zulassung der Augsburger Confession unterstützen möchten;
denn es war ihnen wohlbekannt, daß dem Kaiser gerade das Vielerlei des Sectenwesens
im protestantischen Lager mißfiel, und daß eben dies einer der Gründe war, welche die
anfangs dem Protestantismus so günstige Stimmung Maximilians II. abgeschwächt hatten.
Um aber die Brüder für ihren Plan zu gewinnen, mußten die Utraqnisten ihnen Zu-
geständnisse machen. Es wurde daher doch nicht einfach die Augsburger Coufefsiou iu
Vorschlag gebracht, sondern nach Vorlesung dieses Glaubensbekenntnisses ein Ausschuß
eingesetzt, dessen Aufgabe es sein sollte, ein solches Glaubensbekenntniß zu verfasse«, daß
auch die Brüder im Staude wären, es als das ihrige anzuerkennen. Viel Aussicht auf Erfolg
hatte dieses Unternehmen freilich von vornherein nicht. Die Brüder nämlich, im Besitz
einer altbewährten Kirchenverfassung, wünschten nichts weniger, als mit den Utraqnisten
in eine einzige Religionsgenossenschaft verschmolzen zu werden, und sie waren daher von
vornherein nur unter der Bedingung bereit, die Bitte der Utraquisteu um Freigebung ihres
Bekenntnisses zu unterstützen, wenn ihnen dabei ausdrücklich oder stillschweigend auch der
Fortbestand der Brüdergemeinden in ihrer bisherigen Selbständigkeit zugestanden würde.
Die Utraqnisten versuchten alle Mittel der Überredung und selbst Überlistung, um die
Brüder zum Verzicht auf ihren Standpunkt zu bewegen. Aber die Brüder waren ebenso
fest als wachsam, und so mußten die Utraquisteu sich zuletzt dazu verstehen, die von dem
Ausschuß ausgearbeitete Confession blos als ihre, das ist als die der Utraqnisten, dem
Kaiser zu überreichen. Diese Confession, unter dem Namen der „böhmischen Confession"
bekannt, war, wie hiernach begreiflich ist, zum größten Theile lutherisch, uur in der Lehre
vom Abendmahl näherte sie sich der mehr calvinischen Ansicht der Brüdergemeinden. Bei
Übergabe der Confession baten die Stände zugleich um Überlassung der Ernennungen für
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Volume 14
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (1)
- Volume
- 14
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1894
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.78 x 21.93 cm
- Pages
- 634
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch