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des sogenannten „Sammtbartels". In neuester Zeit verschwinden diese Trachten vollends.
Bemerkenswerth ist die Vorliebe des Ascher Landvolkes für dunkle Farben.
Im Planer und Tachauer Gebiete hat sich bis in die neue Zeit noch die volks-
thümliche Frauentracht: enganschließende Sammt- oder Zeugjacke, das sogenannte „Häubl-'
(Hanben-) Tüchl und der reiche Sonntagsschmuck von Granaten- und Korallenschnüren
mit den gehenkelten Kaiser-Dncaten als Hals- und Brustzierde in den letzten Resten
erhatten. Dieses Dncatengehänge an Granatschnüren kam noch in den Sechziger-Jahren
in den meisten Gebieten Deutschböhmens vor.
Eine volle Charaktergestalt, auch der Tracht uach, bildete seit langem der Ober-
erzg ebirg er, vor Allem der Reischdörser Fuhrmann. Zog er mit seinem schweren, mit einer
großen Plache überdachten Rüstwagen mit den zwei, drei, oft auch vier hochständigen Rossen
ins Saazer Land hinab, um Getreide einzuladen, so schritt oder fuhr er meist in kurzem
dunklen Tuchkoller, darüber ein weites blaues Staubhemd, und in Lederhosen und hohen
Aufzugstiefelneinher. Auch durften die lange, oft besonders ausgestattete Fuhrmannspeitsche,
der weite mächtige Leder- (als Geld-) Gurt und der dampfende Ulmer Pfeifenkopf zum
Ganzen nicht fehlen. Die meist langen kräftigen Gestalten mit den rauhen wetterfesten
Filz-Cylinderhüten (darunter die schwarze Zipfelmütze) machten einen besonderen Eindruck.
Die Sonntagstracht bestand aus dem fast bis auf die Füße reichenden braunen oder blauen
Leibrock, mit Silberknöpfen und langen Schößen versehen. Die Frauen trugen weiße
enganliegende Hauben, später auch die berühmten Goldhauben und Joppen mit Puffen-
ärmeln, welche Tracht auch in den meisten Flachlandgebieten Deutschböhmens üblich war.
In den offenen Landgebieten im Saazer Gan und im Elbe-Niederlande, wie auch in den
nördlichen und nordöstlichen Jndnstriebezirken Böhmens ist diese ältere einheimische Volks-
tracht bereits vollständig verschwunden und hat der nüchternen allgemein-städtischen
Modekleidung den Platz geräumt. Selbst in den verschiedenen Museen der einzelnen Gaue
finden sich nur wenige vereinzelte Überreste vor und nur die alten Familientrnhen bergen
da und dort noch die letzten Überbleibsel alter heimischer Volkstrachten. Auch im Riesen-
gebirge finden sich nur noch schwache Erinnerungen an die einstige eigengebildete Tracht.
Die älteren Gebirgsbewohner liebten einen festen meist dunkelblauen Tnchrock mittlerer
Länge (der als Sonntagsrock oft ganze Geschlechter überdauerte), eine Weste aus gleichem
Stoff und schwarze oder gelbe (rohlederne) Lederhosen; die Frauen einen grauen (seltener
bunten) Wollrock, ein kurzes Tuchmieder mit steifem flachen Latz (eine Art Busenschild)
und ein Leinenhalstuch und Brusttuch. Charakteristisch war die ältere Haartracht. Die
Zöpfe wurden auf dem Scheitel derart aufgewunden, daß sie eine Krone oder das
sogenannte „Nest" bildeten. Die Mädchen gingen dabei meist barhaupt (so lange es nur
die Witterung zuließ), die Frauen mit einer Haube aus weißem oder geblümtem Leinenstoff
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Volume 14
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (1)
- Volume
- 14
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1894
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.78 x 21.93 cm
- Pages
- 634
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch