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Wiesen herbei und sammeln sich in derWirthsstnbe. Geschämiger und ängstlicher gelangen die
Mädchen auf Umwegen und hinter den Häusern heran. Vor der Stubenthür im Vorhaus
bleiben sie stehen und keine will zuerst eintreten. Während sie sich kichernd zusammendrängen,
lassen die Burschen Musik ertönen, voran einige, sozusagen mit gezogenem Säbel einreitende
Trompetenstöße. Die aufjubelnde Mnsik geht den Mädchen an die Nerven, sie fühlen Mnth.
Es wagt die Kühnste ihre Hand auf die Klinke zu legeu — patsch! schlägt eine Zweite ihr
die Hand nieder, der Audraug schleudert die Thüre weit auf, die Vordersten werden bis
in die Mitte der Tanzstube vorgestoßen und drängen verlegen wieder zurück, — aber schou
hat dem Gekicher und Gewirr der tanzlustige Bursche abgeholfen, indem Jeder einer
Gewissen winkt oder pfeift und sie mit Namen ruft. Die Gemeinte springt frisch znm
Tänzer hin nnd sogleich geht es voll Leben in der Stube herum. Der volksthümlichste Tauz
ist der Läudler. Er wird auf steirische Weise getanzt von Denen, die in der weiten Runde
der Stube sich bewegen; allein innerhalb des Kreises stellen sich gleichzeitig so viele Paare
auf, als Platz finden, um sich herumdrehen zu können. Dieses Herumdrehe» geschieht takt-
mäßig so, daß ein Takt zu einer Wendung hinreicht, nnd der Schluß eiuer Drehung wird
durch einen Stampf nnd gleichzeitiges Senken des Paares markirt. Mit diesem eigen-
thümlichen Tanze ist ein häufiges Aufschwingen der Tänzerinnen verbunden und man
nennt das „Af oau Eartl" tauzeu. Originell ist der musikalische Vortrag des Ländlers.
Der erste — Haupttheil — wird zweimal gespielt, wobei das Clariuet das führende
Instrument ist; eine Flöte seenndirt harmonisch und die Violinen, Cymbal nnd Baß
aecompagniren piano dazu. Ist der erste Theil zweimal gespielt, so wird er gleichsam
umgekehrt und wieder zweimal vorgetragen. Hierauf wird die Geige das Hauptiustrumeut
und verändert den ersten Theil des Ländlers in anderer Tonart (z. B. aus L!-ckur in K-6ur
übergehend) eigenartig. Mit dem Vorgeiger klimpert nun auch das Cymbal die gleiche
Melodie, die Secundgeige und der Baß arbeiten lebhaft mit, wozu sich das Schmettern
einer Trompete gesellt. Clarinet und Flöte rasten. Während so der zweite Theil des
Ländlers zweimal abgefiedelt wird, gehen die Tänzerpaare in der Rnnde, wenig angeregt,
nur langsam herum oder stehen, ein Gespräch unterhaltend, zur Seite. Die Tänzer
„af oan Eartl" treten nur von einem Fnß taktmäßig auf den andern, ziehen abwechselnd
eine Hand der Tänzerin nach der andern ebenso taktmäßig an sich und stoßen sie wieder
ab, so daß die Täuzeriu in einer Halbdrehung erhalten wird. Wie man aber die Schluß-
cadenz des zweiten Theiles merkt nnd das Clarinet-Flötensolo mit leisem harmonischem
Accompagnement der übrigen Instrumente wieder beginnt: da scheint ein entzückendes
Nasen in Tänzer nnd Tänzerinnen zu fahren; es entsteht ein Jauchzen und Springen.
Viele brechen vor Entzücken in grelldurchdringendes Pfeifen aus. Andere singen den
Ländler mit. Je wilder sich da der Bursche äußer» kann, desto willkommner ist es ihm.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Volume 14
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (1)
- Volume
- 14
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1894
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.78 x 21.93 cm
- Pages
- 634
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch