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der heiligen Nacht Christus als verklärtes Kindlein durch die Luft, sitzend in einem kleinen
goldenen Wagen, gezogen von zwei milchweißen Pferdlein. Fromme Sonntagskinder oder
auch vorzüglich Begnadete seien so glücklich es zu sehen. Die Milde des verklärten Christ-
kindleins soll unbeschreiblich sein. Die Pferdlein, über jede Vorstellung edel gebaut, sollen
verständig sein wie Menschen und so lieblich mit einander plaudern während ihres Trabes
durch die Luft, daß man lange darnach, wenn man so glücklich war sie reden zu hören,
die schönste irdische Musik rauh und abstoßend findet. Das Gebiß der Pferdlein sei aus
dem feinsten Gold, die Zügel zwei Sonnenstrahlen, die Hufe mit Kroneugold beschlagen,
deren Auftreten wie das Bewegen der Wagenräder harmonisch klingend die dadurch
geweihten Lnfttheilchen zermalme. Im Wagen befände sich Obst: Äpfel, Birnen, Nüsse,
und fremdartige Früchte: Feigen, Mandeln, Rosinen n. f. w. nebst dem besten bekannten
Gebäck. Diese den Kindern unschätzbaren Dinge seien für die guten als Geschenke in
kommender Christmitternacht bestimmt, wo Himmel und Erde des Jesukindleins Geburts-
audcnkeu feiern; aber auch Ruthen, Schwarzbrot, Birkenreis enthalte der Wagen für
unfolgsame, schlimme Kinder. Mit Beginn der Dämmerung der heiligen Nacht muß Alles
ruhig und andächtig sein im Hause, womöglich versammelt in der großen Familieustube;
die Kinder aber, gekleidet wie am wichtigsten Festtage, müssen ihre Gebete, so viele sie
auswendig wissen, laut hersagen, knieend, wenn sie erwachsener, auf dem Elternschoß,
wenn sie noch kleiner und zart sind. Bei Annäherung des Christkindleins, belehrt man
die Kleinen, entfliehen alle bösen Dinge aus dem Hause, in welchem Winkel oder Gegen-
stande sie verborgen sein mögen; daher, wenn Alles still ist und horcht, man Tische und
Kasteu leise schnalzen, das Licht knistern hört und wanken sieht, als ob ein Lnftzug die
fliehenden bösen Geister durch Öffnungen und Spalten des Hanfes wehe; die Fenster
laufen leicht an und ein wunderbares Summen, Rauschen, Singen und Klingen werde
Begnadigten hörbar, das sich so lange verstärkt, bis es zum Tou einer kleinen Glocke
wird, den Alle hören können. Dieser Ton deutet an, das Christkindlein steige aus dem
goldenen Wagen, lasse die Pserdlein rasten und ordne die für die kommende Mitternacht
den Kindern bestimmten Geschenke. Diesem frommen Märchen zu Liebe kaufen die Mütter
Geschenke, die sie den Kindern sorgfältig verbergen, beauftragen Jemand, der in der
Familie nicht leicht vermißt wird, daß er im Augenblick, wo das Christkindlein sich melden
soll, vor der Stubenthüre mit einem Glöcklein zwei bis drei Male klingle, dann die Thüre
so weit öffne, daß er mit einer Hand, die mit Goldpapier überklebt ist, die bestimmten
Geschenke hineinwerfen kann. Wie das Glöcklein vor der Stubenthür zu klingeln beginnt,
fangen die Kinder so laut als möglich zu beteu an. Die vermeinte Nähe Christkiudleius
regt eine Art heiliger Begeisterung in den Kindern an, vermengt mit der Begierde,
die goldene Hand zu sehen und die Geschenke aufzufangen. Nun erscheint dann einige Male
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Volume 14
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (1)
- Volume
- 14
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1894
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.78 x 21.93 cm
- Pages
- 634
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch