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Die Dialecte der Deutschen.
In wechselnder Ausdehnung, bald breiter, bald schmäler, zieheil sich (einige
Lücken abgerechuet) um Böhmen herum die von deutschen Volksstämmen besiedelten Striche.
Am tiefsten gegen die Mitte zu reicht dieses deutsche Sprachgebiet auf der Linie Asch-
Mauetiu; in dieser Gegend und im Norden befinden sich die ausgedehntesten Strecken
deutschen Landes.
Keiner vou den Dialecten, welche die deutsche Bevölkerung dieses Randgebietes
spricht, ist ein besonderer deutsch-böhmischer; im Rücken eines jeden von ihnen, jenseits der
Landesgrenze, dehnt sich in allen Fällen erst das räumlich größere Sprachgebiet ans, zu
dem der jeweilig entsprechende Theil in Böhmen sich als ethnographischer Vorposten verhält,
der über die Berge herüber sich vorschob. Diese Thatsache zeugt mehr als alles Andere
gegen die Annahme, als ob das heutige Deutschthnm Böhmens nnmittelbarer Sprosse aus
Markomannenzeiten wäre; sie spricht entscheidend dafür, daß das Deutschthum — hier
früher, dort später — erst nach dem slavischen Vorstoße gegen Mitteleuropa wieder iu
die alten Sitze eindrang, und zwar eindrang mit cnltnrellem Ziele und von den verschie-
denen Seiten her coneentrisch nach dem politischen Mittelpunkt.
Im Westen erfolgte die älteste, früheste Einführung deutscher Bewohner. Mit dem
XI. Jahrhundert wurde das Egerland vom deutschen Reiche aus mit neuen Besiedleru
überflutet und von ihm aus drang schon in staufischer Zeit deutsche Art weit im Elbogeuer
Lande vor. Im Süden waren es theils uralte Haudelswege, theils zeitweilige dynastische
Zusammengehörigkeit von Nachbargebieten, welche Deutsche wiederum herüberbrachte». Im
Norden erwarben besonders Bergban und Industrie Sitze für deutsche Thätigkeit und
deren Träger; hier und im Nordwesten, ja auch im ganzen Osten zogen noch später mit
deutschen Einwanderern Handel und Großindustrie zu reichstem Aufschwünge ein. Weise
Herrscher Böhmens, auch solche slavischen Blutes, erkannten die Bedeutung deutscher
Betriebsamkeit für den Aufschwung des Landes und zogen zur größeren Verstärkung des
Dentschthnms immer neue Ansiedler heran; ja, politische Ereignisse veranlaßten oft geradezu
ein gesteigertes Hereinkommen, wie dies z. B. nach den Hnsitenkämpfen und dem böhmischen
Aufstand der Fall war. Hatte« sich die zu einem Stamme gehörigen, von der gleichen
Seite herkommenden Ansiedler bereits längere Zeit im neuen Gebiete niedergelassen und
erfolgten dann Zuzüge später und einzeln von woher immer, so wurden die neuen
Ankömmlinge leicht der Art der Mehrheit angegliedert; nnr wenn der Einzug der ueueu
Elemente in größerer Zahl aus anderem Stamme geschah, behielten sie auch im neuen
Sitze Sitte nnd Sprache der Väter, es bildeten sich Sprachinseln innerhalb des deutschen
Gebietes, wie sie nach einer Flucht lauger Jahre noch heute zu erkennen sind.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Volume 14
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (1)
- Volume
- 14
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1894
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.78 x 21.93 cm
- Pages
- 634
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch