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begonnene Veitsdoni, den Matthias von Arras nach dem Vorbild großer französischer
Kathedralen fünfschisfig mit Chorumgang nnd Kapellenkranz ausgestattet geplant hatte.
Nur die beiden letzteren stammen aus der Zeit des ersten Dombaumeisters, desseu Pläne
anch für die Südseite und deu daselbst augeordneten prächtigen Portalban maßgebend
blieben, aber durch die Einbeziehung der etwas älteren Wenzelskapelle in der harmonischen
Gesetzmäßigkeit der Anlage einigermaßen behindert wurden. Seine Maßwerkbildnugeu sind
einfach und frei von reizvoller Abwechslung der Formen, seine Pfeiler streng, ja nüchtern
gegliedert. Wie anders Peter Parler, der nicht nur durch Kühnheit der Construetion, sondern
auch durch wirkuugsvollsteu Wechsel der Details überrascht! Seine gewaltig ansteigenden
Strebepfeiler, deren Körper trotz der Steinmasse schlank und leicht bleibt, suchen mit
doppelten Strebebogen Anschluß an den hochragenden Lichtgaden des Chores, der über
dem breit vorgelagerten Kapellenkranze in fast zu stark betonter Zierlichkeit und Schlankheit
sich abhebt. Die Neigung zum Zierlichen beeinflußt auch seine durch scharfe Schalte»
wirkenden, tief eingeschnittenen Pfeilerprofile, die Anordnung der gewaltigen fechsfeldrigen
Maßwerkfenster, in welche bereits die langgezogene Fischblasenform eindringt, den Anfban
des südlichen Treppenthürmchens und die Durchbrechung der Wand mit dem Trisorinm.
Die durch Oberlichter und Trifolium zuströmende Lichtfülle bringt die geradezu imponireudc
Leichtigkeit des Oberbaues vortrefflich zur Geltung. Die Vorliebe für wirkungsvolle
plastische Deeoratiou zeigt sich in den zierlichen Spitzgiebelu, Fialeu, Wasserspeiern n. s. w.
Die süddeutschem Baubrauch nicht unbekannte Anordnung des Thurmes neben dem
Langhause geht auf Meister Peter Parler zurück, der den Chorbau 1385 vollendete
und 13l)2 uoch bei der Grundsteinlegung für das Langhaus als Dombaumeister
thätig war. Ebensowenig als seinem Sohn und Nachfolger Johann war es dem gleich-
falls vor deu Hufiteukriegeu wirkenden Dombaumeister Peter oder den Bemühungen
Wladislaws II. uud späteren Zeiten beschieden, die großartige Anlage fertigzustellen, deren
Vollendung nach dem ursprünglichen Plane nuumehr unter der sachmännisch so tüchtigen
Leitung des Dombaumeisters I. Mocker immer näher heranrückt. Von der Pracht und
dem Glanz der ehemaligen Ausstattung des Domes hat sich iu der Wenzelskapelle, deren
Wände 1372 und 1373 mit böhmischen Edelsteinen auf goldglänzeudem Verputz verkleidet
uud mit den hente noch erhalteneu Malereien der Seeueu des Leidens Christi geziert wurdeu,
ein herrlicher Überrest erhalten.
Da Peter Parlers bei der Kvliner Bartholomäuskirche nachweisbare Eigenart, einen
Pfeiler des Chorschlusses in die Mittelachse des Gebäudes zu stellen, auch bei dem 1377
geweihten Chore des 1351 gegründeten Augustiner-Chorherrenstiftes Karlshof auftritt,
so war offenbar auch dieser speciell von Karl IV. geförderte Bau dem vou ihm hochgeschätzte»
Dombaumeister übertragen. Letzterer schuf unter Aulehnnug an die berühmte Pfalzkapelle
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (2), Volume 15
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (2)
- Volume
- 15
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 16.07 x 22.35 cm
- Pages
- 708
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch