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was der Kunstsinn und Fleiß früherer Jahrhunderte geschaffen. Öde Triiminerstätten, kahle,
rauchgeschwärzte Mauern und niedergebrvchene Wölbungen der verlassenen Wohnuugeu
bezeichneten jetzt die Mehrzahl der Orte, au welchen Herz und Auge durch künstlerisch
vollendete Gebilde erfreut worden waren. Daß bei einer solchen Vernichtung der Kunst-
werke, bei einer so ausgesprochenen Stellungnahme gegen die Werke der bildenden
Kunst sich unmöglich das Kunstverständniß heben, geschweige denn eine Kunstthätigkeit
entwickeln konnte, ist ebenso selbstverständlich wie die Thatsache, daß ein Unkraut niemals
als natürliche Frucht die Traube des Weinstocks oder die süße Feige zeitigen wird.
Denn ganz abgesehen von dem Waffenlärm und den Kriegsunruhen, die dem Kunst-
leben nie günstig sind, absorbirten auch zahlreiche andere damals im Vordergrund des
allgemeinen Interesses stehende Fragen das Sinnen und Trachten der Bevölkerung in
solchem Grade, daß für die Kunst nichts übrig blieb. Böhmens Kunstleben wurde durch
die Hnsitenkriege aufs tiefste geschädigt. Es bedurfte mehrerer Jahrzehnte, ehe mit der
Rückkehr ruhiger und mehr geordneter Verhältnisse auch die Kuustbestrebungen sich erholten
und wieder in bestimmten Richtungen sammelten, denen seit den Tagen Wladislaws II.
abermals dankbare größere Aufgaben gestellt wurden.DieZwischenzeit war selbstverständlich
im Vergleich zu den früheren Verhältnissen zwar eine Periode schweren Darniederliegens
der Kunst, aber keines vollständigen Stillstandes derselben, da ja die im Lande lebenden
Meister, sobald sie nicht mehr an der Austragung der Tagesfragen persönlich sich betheiligen
mußten, beim Wiederaufbau der eingeäscherten Städte und Kirchen, sowie der zerstörten
Burgeu, beim Beschaffen der nöthigen Ausstattungsstücke unzweifelhaft hinreichend
Beschäftigung fanden. Freilich kam bei diesen hauptsächlich das Nothwendige berück-
sichtigenden Unternehmungen, bei solchen Wiederherstellungen und Instandsetzungen
beschädigter Anlagen ein wirkliches Kunstbestreben nur selten zum Worte. Wo aber diese
Restaurationsthätigkeit und Beistellung des Nöthigen einsetzte, mußten die dazu berufenen
Arbeiter uoch die Überreste ihrer in besseren Zeiten erworbenen Ausbildung verwerthen,
da die Unruhen keine neue Künstlergeneration, keine neueu Kunstanschauuugeu gezeitigt
hatten. So stand man eine Zeitlang ans dem Boden der vor dem Hnsitenstnrm herrschenden
Knnstübnng, in welcher auch Nachwirkungen der Parler'schen Richtung vorhielten, aber
die einheimischen Meister an Einfluß gewannen. Erst die von letzteren herangebildete
Generation, die nicht wie jene des XIV. oder des beginnenden XV. Jahrhunderts sich
durch die Theiluahme an verschiedenen wirklich großartigen Baubetrieben künstlerisch
vervollkommte, verfiel in eine mehr provinzielle Manier, die zwar nicht überall, aber in
manchen beachtenswerthen Dingen originell wurde. Zur weitereu Bethätigung erhielt
letztere ein größeres Feld, seit nnter Wladislaw II. wieder eiu kunstsreuudliches Zeitalter
aubrach, freilich nicht mehr von den großen Gedanken der karolinischen Epoche getragen.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (2), Volume 15
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (2)
- Volume
- 15
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 16.07 x 22.35 cm
- Pages
- 708
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch