Page - 336 - in Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Böhmen (2), Volume 15
Image of the Page - 336 -
Text of the Page - 336 -
336
Königs selbst, der als kühner Jäger Wald und frische Lust den gesperrten Räumen vorzog.
Entgegen dem nüchternen böhmischen Brauche ist hier das äußerste Thor mit dem Wappen
aller Länder geziert, welche dem Hause Luxeuburg angehörten. Auch die bei Knuratitz
1412 erbaute Burg Wenzelstein (kov^ w-aä), nun ganz zerfallen, hatte ein viereckiges
thurmartiges Hauptgebäude, welches Wenzel während seiner letzten Regierungsjahre
bewohnte.
Charakteristisch sind die Thurmvesteu (tvrae), welche im XIV. und XV. Jahr-
hundert sehr zahlreich waren. Dermal bestehen zwar nur wenige noch, wie zum Beispiel
Kralovitz bei Auriuoves, HruZov und Groß-Horka bei Benatek, Pasinka bei Kolin,
Malotitz bei Kanrim, Nelechov bei Ledec, aber man findet in Wäldern, Wiesengründen
nnd bei Dörfern eine Unzahl von Stätten, auf denen Besten standen (böhmisch tviÄSte).
Leicht kenntlich sind sie nach dem geringen Raume, den sie einnehmen, und dem runden
oder viereckigen Wallgraben, der sie umfängt. Viele von ihnen waren Holzbauten, indessen
wirkte das Beispiel der Klöster, welche seit Ausgang des XIII. Jahrhunderts bei ihren
Meierhöfen steinerne Thürme anlegten, auch auf den Land- und Dorfadel anregend.
Wollen wir uns nun die innere Beschaffenheit einer solchen Beste und das Leben in
derselben (nach unseren Begriffen das Leben der Mittelclasse) in Gedanken reconstrniren.
Der mit Mauerwerk oder mit Holzstämmen bekleidete Graben ist gewöhnlich mit Wasser
angefüllt, das je nach dem Charakter der Landschaft größeren oder kleineren Zufluß besitzt,
gewöhnlich mit Fischen besetzt und je nach dem persönlichen Bestreben des Besitzers mehr
oder minder reinlich ist. Eine Zugbrücke führt über denselben in einen engen, von Mauern
eingefriedeten Hof, dem der Thurm, die eigentliche Wohnung, entragt. Man mag sich den
Hof, uach den Reinlichkeitsverhältnissen, wie sie noch zu Anfang des XVI. Jahrhunderts in
den Städten herrschten und heutzutage noch in kleinen Wirthschaften bestehen, ausmalen.
Glücklicherweise für Augen und Nasen sind im Thurm keine modernen Fenster, sondern
nur Lucken, uud sind Fenster da, so befinden sie sich in ziemlicher Höhe. Holzstiegen
nnd Leitern vermitteln die Verbindung mit dem ersten Geschoß, denn der ebenerdige
Raum dient, wenn er überhaupt von unten zugänglich ist, als Vorrathskammer. In den
zwei oder drei oberen Gefchoßen bestehen einige Räumlichkeiten, eine Kemenate zum Heizen
und Stnben mit Kammern abwechselnd; erstere sind matt erhellt, letztere ganz finster.
Die Stuben sind eben nur dazu da, um vor Regen und Gewitter zu schützen. Die Kammern
dienen als Schlafstätten nnd Depositorien. Da hängen an den Wänden uud in den
Schränken die wenigen Mobilien, welche die Familie besitzt, gauz so, wie wir es bei
dem Landvolke znweilen noch treffen. Des Mannes Stolz sind seine Waffen, sie sind auch
das Kostbarste, was er besitzt. Außer diesen trifft man etwas Pelzwerk, verschiedene
Kleidungsstücke. einen Beutel mit barem Gelde, einen kleineren mit dem Siegel uud bei
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (2), Volume 15
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (2)
- Volume
- 15
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 16.07 x 22.35 cm
- Pages
- 708
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch