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Funde mitinbegriffen wurden in den zwölf Comitaten jenseits der Donau au mehr als
fünfzig Orten Geräthe der Bronzezeit gefunden. Diese Thatsache stellt es außer
Zweifel, daß die Cultur der Bronzezeit in allen Theilen des Landes jenseits der
Donau verbreitet war. Ferner beweisen die beiden größeren Gußwerkstätten und die
einzelnen Gußformen, daß die Bronzegeräthe nicht aus der Fremde im Wege des Handels
hieher gelaugten, sondern daß auch die Bewohner dieser Gegend im Bronzeguß bewandert
waren, daß sie jene Behandlungsart des Rohstoffes, die ein Hauptkennzeichen dieser
Culturperiode bildet, auszuüben verstanden. Trotz alledem muß freilich zugegeben werden,
daß das Land jenseits der Donau im Vergleich zu anderen Theilen Ungarns an Denk-
mälern der Bronzezeit arm ist. Überblickt man die Gesammtheit der Denkmäler, welche
die Bronzezeit jenseits der Donau zurückgelassen, so erkennt man als ihre Eigenthümlichkeit,
daß die Zahl der zu friedlichem Gebrauche bestimmten Geräthe überwiegt. Häufig sind
namentlich Celte verschiedener Art und Sicheln, auch kommen Schmuckgegenstände (Nadeln,
Armringe, Gürtel, Ohrgehänge u. s. w.), dagegen nur wenig Waffen vor. Pfeil- und Lanzen-
spitzen, Schwerter n. s. f. finden sich, meist in Bruchstücken, auch in dieser Gegend, nicht
aber die charakteristischesten Werkzeuge der Bronzezeit in Ungarn, jene mit eingegrabenen
Linien reich verzierten gewaltigen Spitzhacken, Handbeile, Stockbeile und Hämnier, sowie
die als Handschutz dienenden Spiralscheiben. Das bei Gilvänfa im Baranyaer Comitat
gefundene Bronzebeil ist eine Ausnahme. Dazu kommt noch, daß auch die die ungarische
Bronzezeit charakterisirenden Formen bei den Gegenständen von jenseits der Donau sehr
selten sind. Die lilienblattförmigen Schwertklingen und die prächtigen, in Form einer Schale
endigenden Schwertgriffe sind dort fast unbekannt. Ein schönes Exemplar ist nenestens
aus Sopron-Nyek (Ödeuburger Comitat) ins ungarische Nationalmuseum gelangt. Auch
die mit Drahtspiralen versehene flache Fibel, eine eigenthümliche ungarische Form, und die
Sichel mit zurückgebogenem Stiel kommen in dieser Gegend nur ausnahmsweise vor.
Eine solche Fibel wurde in der Raaber Gegend gefunden, eine andere im Schatz von
Gyermely, und eine Sichel mit zurückgebogenem Stiel kam im Schatz von Ker vor.
Daß die Thonindustrie der Bronzezeit weit vorgeschritten war, bezeugen einige
kleinere Funde, besonders die bei den Dörfern Gerjen und Kölesd im Tolnaer Comitat
ausgegrabenen Gefäße. Die Formen der sehr verschiedenartigen, größeren und kleineren,
mit freier Hand gebildeten Gefäße sind stets zweckmäßig und oft zierlich, das geometrische
Ornament, dessen mit freier Hand gezeichnete oder mit einem Model eingepreßte Linien
durch die weißliche Farbe einer Kalkeinlage mehr Bestimmtheit gewinnen, ist gut angeordnet,
die Henkel haben am Rande des Gefäßes eine mondartige Vertiefung, lauter Eigenschaften,
durch welche diese beiden Funde die Töpferei der Bronzezeit in ausdrucksvoller Weise
kennzeichnen.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Volume 16
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (4)
- Volume
- 16
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.18 x 21.71 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch