Page - 113 - in Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Ungarn (4), Volume 16
Image of the Page - 113 -
Text of the Page - 113 -
113
Auch in die Grundmauern der S tuh lw eißenbnrg er Kirche Stefans des Heiligen
waren römische Inschrift- und Reliefsteine eingemauert. In der Umgebung der Stadt
zerstreut fand man Bruchstücke von Granitsäulen, augenscheinlich Überreste von römischen
Bauten; diese oder ähnliche Säulen sind gewiß auch bei dem Kirchenbau Stefans des
Heiligen verwendet worden. Die Kirche ist durch drei Ausgrabungen (1818, 1864 und
1874), sowie aus erhaltenen Beschreibungen bekannt. Aus den zum Theil bloßgelegten
Grundmauern lasse« sich auf die Anordnung, Größe und wiederholte bauliche Erneuerung
der Kirche Schlüsse ziehen, während die Beschreibungen des Hartwik und Bonfinins ein
Bild des Hochbaues und des prächtigen Innern geben. Nach alledem war die Kirche eine
dreischissige Basiliea. Das Mittelschiff schloß nach Osten mit einer halbkreisförmigen
Apsis. Die festgestellte Breite des Mittelschisfes betrug 12 8 Meter, woraus sich auf
die ganz nnverhältnißmäßige Länge von 64 Meter schließen läßt. Die Apsis war von
zwei freistehenden viereckigen Thürmen slankirt. Ob auch die schmale Westwand zwei solche
Thürme hatte, ist durch die Nachgrabungen nicht ermittelt, doch scheint es beinahe gewiß,
daß dieser Ban als Vorbild für die ähnlichen vierthürmigen Kirchen gedient hat. Das
Mittelschiff war von den Seitenschiffen durch Säulenreihen getrennt, der Estrich bestand
aus Marmorplatten, der in das Mittelschiff einspringende Chor war durch eine mit
Schnitzwerk verzierte Schranke abgeschlossen, der Hochaltar stand nnter einem von vier
Säulen getragenen Baldachin (Lidorium) und war mit zusammengefügten kostbaren
Steinen geschmückt. Diese Verzierung war übrigens schwerlich eine Mosaik, vielmehr
eher eine in Formen geschnittene Stein-Intarsia. Auch war für die Ausschmückung viel
Gold verwendet.
Die Beschreibung läßt es namentlich durch diese letzten Einzelheiten zweifellos
erscheinen, daß die Stuhlweißeubnrger Kirche nicht nur in der allgemeinen Anordnung
den altchristlichen Basiliken Italiens entsprach, sondern daß auch die Ausstattung des
Innern — der Chor, der Altar mit seinem Baldachin und dessen Verzierungsweise —
mit der Ausstattung und Ausschmückung jener sehr zahlreichen Basiliken übereinstimmte,
welche in dem uns nähergelegeueu nördlichen Theile Italiens und in Dalmatien, besonders
aber in Jstrien vom VI. bis zum XI. Jahrhundert erbaut wurden. Für alle diese Kirchen ist
die Anordnung der römischen altchristlichen Basiliken Regel; ihr geschnitztes Zierwerk
dagegen trägt den Charakter der unter byzantinischem Einfluß umgestalteten und zum
Theil mit barbarischen Elementen gemischten römischen Kunst. Diese Verzierungen
bestehen neben den aus farbigen Steinen verfertigten Intarsien aus Schnitzwerk in Stein,
das zwei besondere Hauptkennzeichen ausweist. Die eine Eigenthümlichkeit ist, daß die
Formen sich flach aus dem Grunde erheben und, statt sich nach abwärts zu runden, kantige
Ränder haben; die andere liegt in der starken Hinneigung zu Flechtformen.
Ungarn IV. 8
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Volume 16
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (4)
- Volume
- 16
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.18 x 21.71 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch