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schlangelt sich vielfach gewunden bis nach Belye (Esscg) hinab, wo sie ihren unruhigen
Kopf in die Donau taucht. Wo immer sie fließt, überall macht sie sich ein eigenes Bett,
ihr Weg ist rechts und links von „todten Dränen" begleitet. Wie ein schlimmes Kind die
Wände mit seinem Namen, so bekritzelt sie gleichsam die Ufer mit den Worten: „Hier ist
die Dran vorbeigekommen"; sie zerreißt oder begräbt die Grenzpfähle zweier Länder,
bald von diesem, bald von jenem schneidet sie einen Zwickel ab und schlägt ihn zu dem
anderen, und zwar größere Stücke vom jenseitigen als vom diesseitigen Lande. Daher
kommt es, daß die Länder des kroatisch-slavonischen Königreichs auf meilenlangen
Strecken mit vielen Zacken auf das linke Ufer, nach Ungarn herübergreifen; so fällt z. B.
unterhalb von Csnrgö und Berzeneze ein Gebiet von etwa 60 Quadrat-Kilometer, die
Insel Repäs, gleichsam in den Schooß des Somogyer Comitats, und deshalb liegt auch
auf der ganzen Länge des Dranlanfes keine Ortschaft am User. Ihren raschen und
unerwarteten Hochwässern sind Schutzdämme nur ein Spielzeug; die entwurzelten Bänme
ihres weiten Überschwemmungsgebietes wirbelt sie haufenweise in ihrer Strömung dahin
und taucht sie Häuptlings in ihre Tiefen, so daß die Baumkronen im Sande begraben
liegen, während das emporgekehrte Wurzelwerk an der Oberfläche jahrelang fault und
morfcht, bis schließlich nur noch der nackte Stamm unter dem Wasserspiegel dunkelt, zu
nicht geringer Gefahr der Schiffe. Sie ist nicht so schon wie die Save, nicht so offen wie
die Theiß, nicht so belebt wie die Donau; sie ist ein Wälder durchschweifender, Schiffen
auflauernder, Brücken unterwühlender, wegelagernder Fluß. Selbst zum Baden taugt sie
nicht; wo sie gestern noch im Wirbel umhertollte, wirft sie heute eine Sandbank auf; wo
die Kinder sie gestern noch durchwateten, gähnt heute Abgrund über Abgrund; nach einer
kleinen Stromschwellung zumal erkennt der Uferbewohner selber seine gestrige Dran nicht
mehr. Sie verbindet die anwohnenden Völker nicht, sondern trennt sie. Nicht einmal die
Mühle ist ein Verbindungsglied, ein Ort des Zusammentreffens für die Uferleute, wie
auf der Donau. Mit öder Langweiligkeit hebt und senkt sich ihr grünbeschlammtes Rad in
der brausende» Fluth, während innen der Müller grätige Weißfische auf dem Rost dörrt,
dann die Kohleugluth zuhauf fegt und sich gähnend seine gesalzenen Pogatschen unter der
Publika (einem großen, schwarzen thönernen Stnrz) bäckt. Selten hört er Glockenklang,
hie und da nur erblickt er einen Kirchthurm; sein alltäglicher Umgang sind die Fischer-
vögel, ab und zu einmal erscheint eine Fischotter oder ein scharf umherfpähender Fuchs;
auch gleiten mit Brennholz und Brettern beladene Flöße behutsam vorbei, gen Esseg
hinab, und vorsichtige Dampfer schleppen die reichen Ernten der beiden Ufer von dannen.
Dieser Strom also bildet die Basis des dreieckigen Gebiets, in dessen Mitte sich
eine Berggruppe erhebt, der Meesek, der uuter diesem Namen den nördlichen Theil des
Baranyaer Comitats bedeckt und sich ringsum mannigfach verästelt. Seine nach Somogy
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Volume 16
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (4)
- Volume
- 16
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.18 x 21.71 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch