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wenn der Sommer trübe ist und die Weide spärlich, kaum acht. Was nach der Abgabe
der bedungenen Menge von Käse übrig bleibt, ist Eigenthum des Bäc und zum Theil auch
der Jnhas. Es ist dies Schäferleben ein hartes Leben, doch ist es voll Reiz und Poesie.
Mythen, Märchen und Sagen. — Die polnische Literatur besitzt ziemlich
reichhaltige Sammlungen von Volksmythen, Märchen und Sagen, aber es wird noch
lange dauern, bis diese Qnelle erschöpft sein wird, da das polnische Volk noch immer
in jener Zauberwelt lebt, wo ewige Wahrheiten in greisbaren Gestalten einherwandeln,
Gedanken in übernatürlichen Erscheinungen zu Tage treten und Wahn sich mit der
Wirklichkeit verwebt. Hier sind es Wolken, die mit Hilfe des Regenbogens das Wasser
der Meere, Flüsse, Seen und Teiche trinken, von irgend welchen Riesen an der Leine
gezogen; der Donner, das ist der furchtbare Schuß eines Menschen, der diesen Namen
trägt und den geheimuißvolleu Vogel, den Nachtvogel jagt, auf ihn schießt
und ihn nie erlegen kann. Die Sonne ist ein wunderbares Wesen, welches sich am
Dreifaltigkeitstage im Osten dreimal vor dem urewigen Gotte verneigt; der Mond ist der
Sitz eines verbrecherischen Bauers, welcher am Weihnachtstage seinen Stall ausgemistet,
sich aber auf die Zinken der Mistgabel gespießt hat und daran dort ansgehängt schwebt
und für seine Sünde büßt, ein zweiter Prometheus; die Sterne sind Gesellschafterinnen des
menschlichen Lebens und wenn ein Mensch stirbt, so fällt auch sein Stern vom Himmel.
Gott im Himmel ist etwa ein allerweisester, heiligster und gütigster Hausvater, der einen
prächtigen Palast bewohnt. Die Thüren dieses Palastes werden manchmal in der Nacht
geöffnet und von dorther schlägt eine Helligkeit hervor, welche das menschliche Auge zu
ertragen nicht imstande ist. Als der Poleuköuig Johauu Sobieski sich Wien näherte, um
das Christenvolk zu retten, da sah das ganze Heer eine solche Erscheinung und konnte
wahrnehmen, was sich dort hinter dem geöffneten Himmelsthore zutrug. Sobald ein Türke
dort ankam, bums, sofort in die Hölle mit ihm; kam aber ein christlicher Ritter, so führten
ihn Engel mit Musik in den Himmel ein. Stirbt ein Mensch und verurtheilt ihn der Herr
zu ewiger Verdammniß, so bleibt der Unglückliche ans der Schwelle der Hölle stehen und
von ihrem Anblick entsetzt, schreit er: „Jesus, Maria und heiliger Josef!" Der Teufel
aber, welcher diese Namen nicht hören kann, stößt ihn auf die Erde zurück und der Todte
kehrt zum Leben wieder. Was erzählt ein Solcher dann nicht alles vom jenseitigen Lebe»,
von der Hölle »nd dem Himmel! Wälder, Felder nnd Wiesen, Flüsse und Quellen, Thäler
und Berge, alles ist voll von geheimnißvollen Mächten oder Geistern, welche sich entweder
dem Menschen geneigt zeigen oder ihm schaden, und ans diesem Verhältnisse des Menschen
zur Natur eutwickelt sich die Macht des Aberglaubens, der Zaubereien, der Märchen und
Sagen. Hierzu muß man noch eine große Anzahl herrlicher Legenden aus dem Leben der
heiligen Familie, Jesu Christi und der Apostel, der Gottesmutter und der Heiligen,
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Galizien, Volume 19
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Galizien
- Volume
- 19
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1898
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 16.48 x 22.34 cm
- Pages
- 920
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch