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genannten Festes Blei, und deuten aus der Form des im Wasser erstarrten Metalles ihr
künftiges Schicksal. Auf diese Weise erfährt das Mädchen nicht nur im Allgemeinen, ob es
heiraten oder ledig bleiben werde, sondern auch den Stand des künftigen Mannes. Ferner
ist es üblich, Schnüre über enge Gassen und Thorwege zu spannen und die darüber
fallenden Personen zu beobachten: fällt ein Verheirateter, so bleibt die Jungfrau ledig; ist
der Gefallene ein Lediger oder ein Witwer, so heiratet sie, und zwar im ersten Falle einen
Ledigen, im zweiten einen Witwer; fällt hingegen ein Priester, so stellt sich der Tod als
Bräutigam ein. Auch lassen die Mädchen einen Hund oder ein Kätzchen drei Tage vor
Andreas hungern; hierauf legt jedes der anwesenden Mädchen eine wohlgefettete Klöße
oder dergleichen auf den Boden. Dasjenige Mädchen, dessen Klöße das herbeigeholte Thier
zuerst verzehrt, wird am schnellsten heiraten. Aus der Fülle der anderen Orakel sei nur
noch eines augeführt. Auf einen Tisch wird ein Ring, ein Myrthenzweig und eine Perlen-
schnur niedergelegt und jeder dieser drei Gegenstände mit einem Teller bedeckt. Nun muß
ein Mädchen, das bei diesen Vorbereitungen nicht anwesend war, einen der Teller aufheben.
Findet es den Ring, so verlobt es sich im nächsten Jahre; der Myrthenzweig deutet auf
baldige Hochzeit; die Perlenschnur zeigt aber an, daß die Arme noch weit von der Erfüllung
ihrer Wünsche stehe oder gar ins Kloster treten werde.
Die polnische Sprache ist weit über den Kreis der Polen hinaus verbreitet. Die
Ursache dieser Erscheinung liegt wohl vorzüglich in dem Bedürfnis, sich mit den Personen der
dienenden Classe, ferner mit den Handwerkern, welche zum großen Theile Polen sind, zu
verständigen. Aus dem Umstände, daß die meisten Dienstboten, Ammen u. s. w. Polinnen
sind, erklärt es sich auch, daß die polnische Sprache insbesondere unter den Kindern weit
verbreitet ist und viele dieselbe in ihrer Jugend beherrschen, wenn sie auch von ihr im
späteren Alter keinen Gebrauch machen. Mit Vorliebe pflegt man die polnische Sprache
in den israelitischen Familien; die Kinder sollen zu derselben besonders aus dem Grunde
angehalten werden, weil durch ihren Gebrauch die reinere Aussprache des Schriftdeutschen
vorbereitet werde. Polnische Kinderspiele, Kinderverscheu und Neckreime sind in großer
Zahl vorhanden und sind nicht nur den polnischen Kindern bekannt. Von den Spielen,
bei denen die Theiluehmer stets der polnischen Sprache sich bedienen, sei beispielsweise
das Farbenspiel erwähnt. Jedes der Kinder erhält den Namen einer Farbe, nachdem
zwei derselben, der „Engel" und der „Teufel" ausgelost worden und bei Seite getreten
sind. Hierauf nehmen die Farben auf Steinen oder dergleichen Platz oder setzen sich auf
den Boden nieder. Nun kommt zunächst der Engel herbei und ahmt das Klingeln einer
Glocke nach. „Wer ist da?", frägt eine der Farben: „Der Engel!", lautet die Antwort.
„Was will er?" „Eine Farbe", erklärt der Engel, und nun nennt er eine Farbe. Wenn er
eine Farbe errathen hat, welche einer der Mitspielenden führt, so muß derselbe dem Engel
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Bukowina, Volume 20
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Bukowina
- Volume
- 20
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1899
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.14 x 21.77 cm
- Pages
- 546
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch