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Die Versammlung aller Zunftmeister hieß lonM. In dieser fanden die Wahlen oder
Ernennungen neuer Functiouäre statt, und da wurde über den Stand der Znnftcasse
(esnälski mal oder esnakski sanckuk) Bericht erstattet. Die Zunft war eine politische
Körperschaft und ersetzte zum großen Theil im türkischen Reiche die Gemeinde. Die
Aufnahme in die Zunft fand formell durch die Eintragung in das Zunftregister
(esnalski cleller) statt, gleichviel ob der aufzunehmende Lehrling oder Geselle war;
dadurch erst wurde er Mitglied des Zunftverbandes, nur als solches konnte er zur
Meisterschaft gelangen. Die Freisprechung des Lehrlings (ckestur, testir) war ein mit
religiösen Feierlichkeiten verbundener Act, ebenso die Aufnahme in die Meisterschaft, die
„kusamma", die Umgürtung') . Jede Zunft besitzt einen Schutzheiligen, »pir«-),
sowohl die christlichen, wie die moslemischen esnak's.
Nach der Zugehörigkeit zur selben Zunft waren auch die einzelnen Gewerbs-
zweige in der earsM,») dem Geschäftsviertel, vertheilt. Dort sitzen die Gewerbetreibenden
in ihren hölzernen Buden auf ausgebreiteten Teppichen. Der Laden des Kleinmeisters
nnterscheidet sich äußerlich kaum von dem des Verlagsmeisters. Größere Reinlichkeit und
reicherer, mannigfaltigerer Vorrath machen ihn bei genauerem Hinsehen erkenntlich. Aber
rückwärts schließt sich ihm in der Regel noch eine große »maAa?a« (Magazin) an, in
welchem er nicht selten einen bedeutenden Waarenvorrath aufgespeichert hält. Die Läden
pflegen nach Sonnenaufgang geöffnet, vor Sonnenuntergang geschlossen zu werden. Im
Geschäftsviertel sind keine Wohnungen. Jeder wohnt in seiner Vorstadt .malrala-, wo
wieder keine ist. Wir begegnen hier dem englisch-amerikanischen Princip der
Trennung des Geschäftsmittelpunktes von den Wohnplätzen.
Fragen wir nun: und wie ist es heute? Bestehen heute noch esnak's und cai-Sha?
Die alten Zünfte haben sich im Wesentlichen dort erhalten, wo die alte Betriebsweise
beibehalten werden konnte. Da bestehen sie als Vereinigungen der einheimischen Gewerbe-
treibenden neben dem freien Gewerbebetrieb, freilich nicht mehr als Staaten im Staate
wie einst, sondern angegliedert an den modernen, staatlichen Verwaltungsorganismus.
Ebenso finden sich allenthalben die caiZija's vor, wie ehedem. Aber abseits von diesen
entwickeln sich die modernen Geschäftsviertel in den Städten, in welchen die modernen
Handwerker und die Händler mit den Erzeugnissen unserer Großindustrie eingezogen sind.
Moderne Handwerker kamen erst mit der Occupatio« nach Bosnien. Vorher gab
es sogar in Sarajevo nicht einmal Tischler (in westeuropäischem Sinne), keine ordentlichen
Schlosser, keine Anstreicher, Tapezierer, keine Maurer, welche anderes, als die primitiven
') Diese religiösen Ceremonien scheinen uralten Ursprungs zu sein. Ich erinnere an die Umgürtungsceremonie
bei den mannbar gewordenen Persern und Indern. >) Persisches Wort, bedeutet den Alten, Borfahren. *) Wort persischen
Ursprungs — Biereck.
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Bosnien und Herzegowina, Volume 22
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Bosnien und Herzegowina
- Volume
- 22
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1901
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.34 x 22.94 cm
- Pages
- 536
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch