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Hausindustrie und Kunstgewerbe ehemals eine hohe Stufe der Vollendung behauptet
hatten. Livnoer Cigarrenspitze und schöne, alte oder neuere, ziemlich wcrthlose Jagluks
(gestickte Tücher) waren fast die einzigen Souvenirs, welche man aus dem „wilden Lande"
heimbringen konnte. Nur Leute, denen die Culturgeschichte Bosniens und der Hereegovina
geläufiger war, wußten, daß man dort nach verborgenen Schätzen suchen müsse, und sie
fanden Erzeugnisse, welche zwar auf den ersten Blick orientalischen Charakter erkennen
ließen, aber in gewisser Hinsicht ein specifisches, von den Produkten der übrigen orienta-
lischen Länder abweichendes Gepräge an sich trugen.
Die Entwicklungsgeschichte des bosnischen Haus- und Kunstgewerbes ist uns heute
noch ziemlich unbekannt. Wir wissen nur, daß Reiche und Mächtige des Landes ehemals
einen großen Werth darauf legten, die schönsten Arbeiten der einheimischen Meister ihr
Eigen zu nennen, daß sich Künstlerinnen des Schutzes der vornehmen Damen erfreuten, und
dass auf jedwede Art die Schaffenskraft der einen sowie der anderen gefördert wurde.
Die aus jener Zeit stammenden Objecte sind künstlerisch vollendet; solange Ruhe und
Wohlstand im Lande herrschten, blühten auch die verschiedenen Knnsttechniken. Aber mit dem
Eintritt der langwierigen Unruhen und der daraus entstandenen ungünstigen materiellen
Lage der Bevölkerung nahm die Zahl der Träger der verschiedenen Kunstindustriezweige
nach und nach ab, und zuletzt wurden nur primitive Gebrauchsartikel geschaffen, bei denen
sich noch die Spuren einer schönen Ornamentik, alter guter Formbildung mit schlechtem
Materiale oder plumpen Zuthaten in seltsamer Vereinigung zusammen finden.
Bosnien und die Hereegovina sind schon zur Zeit des byzantinischen Reiches in das
Gebiet der orientalischen Kunst einbezogen worden; doch hat sich infolge des regen
Handelsverkehres mit Ragnsa und Venedig auch der italienische Einfluß geltend gemacht.
Auf diese Art bildete sich auf dem Gebiete des Kunstgewerbes und der Hausindustrie ein
selbständiger Charakterzug, welcher als bosnisch-orientalisch bezeichnet werden kann.
Nach der Übernahme der Verwaltung Bosniens und der Hereegovina durch die
österreichisch-ungarische Monarchie traten andere Verhältnisse ein. Die Einbeziehung
dieser Länder in das gemeinsame Zollgebiet der Monarchie brachte vor allem einen regen
Handelsverkehr zwischen Bosnien und den Nachbarländern zn Stande. So erfreulich
nun dieser Verkehr vom volkswirtschaftlichen Standpunkte auch war, so brachte er doch
für die bisherigen Kunsttechniken die Gefahr mit sich, daß dnrch die leichte Zubringung
billiger Verbrauchsartikel das einheimische Kunstgewerbe immer mehr verdrängt und
schließlich vernichtet werden könnte, — eine Erscheinung, die sich in allen orientalischen
Ländern, welche in unmittelbare Berührung mit den Erzeugnissen der europäischen
Industrie gerathen sind, gezeigt hat. Es war daher sowohl vom künstlerischen Gesichtspunkte
aus, als auch im materiellen Interesse des Landes selbst geboten, die alten einheimischen
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Bosnien und Herzegowina, Volume 22
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Bosnien und Herzegowina
- Volume
- 22
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1901
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.34 x 22.94 cm
- Pages
- 536
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch