Page - 155 - in Kronprinz Rudolf - Politische Briefe an einen Freund 1882-1889
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Wien, 1. September 1887
Lieber Szeps!
Innigsten Dank für Ihren Brief; ich bitte, Ihrem Schwie-
gersohn meinen herzlichsten Dank für die so schöne
Präparierung des Schädels zu vermitteln.
Schade, daß ich Sie so lange nicht sehen konnte; ich
bin fort bei Manövern, von früh bis abends zu Pferd;
übermorgen ist es aus. Nur für kurze Zeit, dann muß ich
wieder nach Siebenbürgen zu den großen Manövern. In
Berlin sucht man Frieden, der-Kaiser ist sehr schlecht, der
Kronprinz ein halbtoter Mann, Prinz Wilhelm sehr kränk-
lich und nicht als ernster Faktor aufgefaßt; mit Rußland
will man sich verständigen ; nicht aus Sympathie, sondern
aus Schwäche. Mit uns ist man zärtlicher denn je, nur
Rußland gegenüber sehr mißtrauisch. Ich habe viel in den
letzten Tagen mit Graf Waldersee, dem eigentlichen
jetzigen Moltke, gesprochen und habe nun eine Über-
zeugung gewonnen; Berlin ist altersschwach. Wo anders
ist man aber auch nicht jung. Die ganzen Großmächte
sind eine matte Gesellschaft;
Ferdinand Coburg108 kann ungestört den Berliner Vertrag
stören und nichts geschieht, als höchstens einige vorwurfs-
volle Noten.
Mit herzlichsten Grüßen
Ihr
Rudolf
Wien, 17. September 1887
Lieber Szeps!
Innigsten Dank für die Statuette, die mich sehr unter-
halten hat; ich sehe aus darauf wie ein dicker Pandur
eines Obergespans. Seit vorgestern bin ich aus Südungarn
zurück, wo ich einige Tage ganz in der Wildnis unter
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Kronprinz Rudolf
Politische Briefe an einen Freund 1882-1889
- Title
- Kronprinz Rudolf
- Subtitle
- Politische Briefe an einen Freund 1882-1889
- Author
- Julius Szeps
- Publisher
- Rikola Verlag
- Location
- Wien - München - Leipzig
- Date
- 1922
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.6 x 19.54 cm
- Pages
- 246
- Keywords
- Habsburger, Österreich-Ungarn, Monarchie
- Categories
- Geschichte Vor 1918