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368 Der heilige Johannes Gualbertus, Abt.
innenmg erfüllte ihn mit Ehrfurcht. Er hieß den Mörder von der
Erde aufstehen, gestattete ihm vollkommene Verzeihung, und hieß ihn
gehen, wohin er wolle. Bald darauf kam er zur Kirche St. Mi-
niat, in die er hineinging, und da er bethend die Augen auf ein
Bild des Gekreuzigten heftete, neigte das Haupt desselben sichtbar
ihm sich zu, als wollte es ihm zu erkennen gcbcn das Wohlgefallen
Gottes an der liebevollen Schonung, die er dem Mörder bewiesen
hatte. In der Folge wurde dieses Kreuz in die Dreifaltigkeitskirchc
nach Florenz gebracht, wo es in neuern Zeiten sich noch befand,
vielleicht gegenwärtig noch befindet. Johannes ward durch das
Wunder in tiefes Erstaunen versetzt, und getrieben zum ernsten Nach:
denken über sich selbst. Endlich faßte er den Entschluß, der Welt
zu entsagen, und sich ganz dem Dienste Gottes zu widmen. Er
hieß seine Begleiter vollends nach Florenz ziehen: er aber kehrte
zurück nach St. Miniat und verlangte da zu sprechen den Abt des
Klosters, den er, nachdem er ihm das beim Kreuze gesehene Wunder
erzählt hatte, dringend bat, ihn in den Orden aufzunehmen. Der
fromme Abt kräftigte ihn zwar in dem Entschlüsse, stellte ihm aber
auch mit eindringender Beredsamkeit die Beschwerden des klösterlichen
Lebens, und die großen Entbehrungen vor, denen er sich würde
unterziehen müssen, und welche er um so härter fühlen werde, je
mehr er biö daher in Gemächlichkeit und Ueberfluß gelebt habe.
Mittlerweile erfuhr der Vater, daß sein Sohn zu Miniat sich
befinde, und mit dem Gedanken umgehe, das Ordcnskleid zu neh-
men. Er eilte oahin, und verlangte, ihn zu sprechen. Johannes
weigerte sich aber, unter die Augen des Vaters zu treten, in der
Nesorgniß, daß dieser ihn mit Gewalt dem Kloster entreißen werde.
Darüber gerieth der Vater in großen Zorn. Mit lautem Geschrei
und unter vielen Drohungen forderte cr seinen Sohn von den Mön-
chen zurück. Johannes befürchtete, daß diese der so ungestümmcn
Forderung nachgeben möchten. Er sprach daher zu sich selbst: „Von
wem könnte ich wohl besser das Ordenskleid empfangen, als am
Altare, auf welchem das Blut Jesu Christi geopfert wird," ergriff
sodann ein Mönchsgcwand, das er von ungefähr an einem Orte
liegen sah, eilte mit demselben in die Kirche, legte es auf den Altar,
schnitt sich selbst die Haare ab, zog das Gewand an, und stellte
sich als Mönch unter die andern Mönche, die über den glühenden
Eifer des Jünglings staunten, und dem, was er gethan hatte, ihren
Beifall gaben. Als dcr Vater, dem nun der Eintritt in das Kloster
gestattet wurde, seinen Sohn im Ordenskleide erblickte, gebährdete er
sich wie ein Wahnsinniger. Er zerriß die Kleider, schlug sich auf
die Brust, verwundete mit seinen Nägeln die Wangen, heulte laut,
und schrie, daß cr dcr unglücklichste Vater sey. Endlich gab er sich
Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes, Volume 2
- Title
- Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
- Subtitle
- Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes
- Volume
- 2
- Author
- Anton Mätzler
- Publisher
- Landshut Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 1840
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 9.8 x 16.9 cm
- Pages
- 982
- Keywords
- Kirche, Gott, Glaube, Religion
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen