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428 Der heilige Bernardus, Abt zu Clairvcnix.
ma!,l abrief. Denn noch vollkommen gesund sprach sie mit so sü:
ßer Zuversicht von üirer großen Reise am bevorstehende» Feste, daß
ihr Gemahl sowohl als die Geistlichen erstaunten. Sie aber schwieg,
und bereitete sich mit großer Andacht zu ihrem Eintritte in das
ewige Leben. Schon war der Borabend deo Festes crsch,enen, und
ihre Weissagung wollte zweifelhaft bedünkcn, als ein leichtes Fieber
sie anfiel, welches sie als den ersten Vorbolhen erkannte. Sie ver-
langte zum Erstaunen Aller, und cmpfing die Imlige» Sterbsacra-
mente, worauf sie fröhlich das Gastmahl anordnete, nach welchem
sie die Geistlichen zu sich bitten ließ, auf daß sie die Psalmen und
Gebethe der Sterbenden mit ihr bethen mochten. Als sie an die
Worte der Litanei kamen: „Durch dein Kreuz und Leiden erlöse
sie, o Herr!" bezeichnete sie sich mit dem Zeichen des heiligen
Kreuzes, und übergab ihre gebenedeite Seele in die Hände ihres
Schöpfers.
Bald nach ihrem Tode trat der junge Bernard in die Welt,
und wurde als ein Jüngling von großen Hoffnungen gepriesen, des-
sen eine schöne und ruhmvolle Laufbahn Karrete. Der schöne, ge-
bildete und sanftmüthige Jüngling zog aller Augen, zumal die des
Fraucngeschlechtes, auf sich, und auf mancherlei Weise wurden des-
sen Keuschheit Fallstricke gelegt. Aber die reine und heilige Flamme,
die in dem He^en des gottesfürchtigen Bernard loderte, überwand
Versucher und Vcrsucherinnen auf eine glorreiche Weise. Es wider-
fuhr ihm einst, daß er cme schöne weibliche Gestalt mit einigem
Wohlgefallen betrachtete, wodurch allmahlig eine nie gefühlte, mach-
tige Glut durch seine Adern strömte. Er crschrack heftig, als er
zur Besinnung kam, und stürzte sich in einen nahen Teich, der mit
einer Eisrinde überzogen war, und blieb in demselben so lange, bis
der letzte Funke dieses unreinen Feuers erloschen war, das seine Un-
vorsichtigkeit angefacht hatte. Als ein andermal eine geile Frau
nächtlicher Weile in sein Schlafgcmach kam, schrie er aus vollem
Halse: „Räuber! — zu Hilfe!- »vorauf das Weib eilends entfloh.
Als man gekommen war, und Niemanden im Zimmer gefunden
hatte, machten ihm seine Gefährten Vorwürfe, daß er sie unnöthigcr
Weise aus dem Schlafe aufgeweckt habe. Er aber sprach ganz
sanftmüthig zu ihnen: „Ich kann euch versichern, daß ich nicht um-
sonst gegen Räuber um Hilfe gerufen habe; denn man wollte mich
eines einzigen Schatzes, meiner Jungfräulichkeit berauben." Dieß
waren nicht die einzigen Fallstricke, die seine Jugend bedrohten, und
cr sah es täglich mehr ein, daß er den Lockungen der Welt nicht
widerstehen werde, wenn cr nicht von derselben sich ganz losreiße.
Ehe daher Jemand sich dessen versah, stand sein Entschluß felsenfest,
allen irdischen Bestrebungen und Hoffnungen zu entsage» , und sich
Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes, Volume 2
- Title
- Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
- Subtitle
- Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes
- Volume
- 2
- Author
- Anton Mätzler
- Publisher
- Landshut Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 1840
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 9.8 x 16.9 cm
- Pages
- 982
- Keywords
- Kirche, Gott, Glaube, Religion
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen