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516 Die heilige Clara, Jungfrau.
ebenfalls das Ordcnskleid von Franziskus empfing. Es versammel-
ten sich bald mehrere gotteofiirchtige Jungfrauen in dem Häuft, in
welchem Clara und ihre Schwester bei der Damianskirchc sich be-
fanden, und so entstand, unter der Leitung des heiligen Franziskus,
der Orden der Franziskanerinncn, die schon damals auch Clarissin-
nen genannt wurden. Schon im Jahre l 2 l ^ wurde dieser neue
Orden vom Papste Honorius I I I , bestättigt. Der Beruf desselben
war, außer der Uebung aller andern Tugenden, vorzüglich die äu-
ßerste Armuth, und die Entblößung von allem Irdischen. Clara,
der sich nun auch ihre Mutter und ihre jüngste Schwester Beatrix
beigesellt hatten, wurde von ihren Mitschwestern einstimmig zur Obe-
rin gewählt. Dieses Amt betrachtete sie nur als den Grund noch
größerer Verbindlichkeit, demüthiger, ärmer, abgetödtcter und eifriger
zu seyn, als alle ihre Schwester,!. Nicht nur diente sie ihnen bei
Tische, und am Krankenlager; sondern sie benutzte ihre Obergewalt
auch bloß dazu, den Andern die leichtesten und angenehmsten Ge-
schäfte zu überlassen, und sich selbst immer das Mühsamste, Niedrigste,
Zurückstoßendstc aufzubürden. Die Armuth schien ihre Lieblingstu-
gend; dieß beurkundete sie am herrlichsten dadurch, daß sie die durch
den Tod ihres Vaters ihr zugefallenen Güter ganz unter die Armen
vertheilte, ohne für sich oder ihre» Orden etwav davon zu behalten.
Sie gestattete ihren Klöstern nicht, Einkünfte, ja nicht einmal große
Norräthe zu besitzen; sie wollte dieselben ganz abhängig wissen von
der Mildthätigkeit der Gläubigen. Sie sah es lieber, wenn die Or-
densbrüder, welche für sie bettelten, kleine Stücke, als wenn sie
ganze Brode zurückbrachten. Armuth sollte das ganze Ehrenzeichen
ihrer Töchter seyn, weßwegen man sie auch jetzt noch den Orden
der armen Frauen nennt. Papst Gregor IX., der gegen die heilige
Clara große Verehrung hegte, und sich, als er dcn apostolischen
Stuhl bestieg, ihrem Gebethe empfahl, bot ihr vergebens Einkünfte
an, um den Unterhalt ihrer Klöster zu sichern; sie führte ihm so
viele Gründe' an, und bat ihn so inständig, an dem ursprünglichen
Geiste ihres Ordens nichts zu ändern, daß er nicht weiter mehr in
sie drang, und selbst ihr unbegränztes Vertrauen auf die göttliche
Vorsehung pries. Dem Himmel schien dieses Vertrauen, dieser hel-
denmüthige Sinn der Armuth zu gefallen. Denn es wird erzählt,
Clara habe eines Tages, als im ganzen Hause nur ein einziges
kleines Brod sich vorfand, und die Zeit des Mittagmahles herange-
rückt war, der Schaffnerin befohlen, die Hälfte desselben den Mön-
chen zu senden, welche ihr dienten; die andere Hälfte aber in fünf-
zig Stücke unter eben so viele Nonüen zu theilen, die sich im Klo-
ster befanden; die Schaffnerin habe gehorcht, und das Brod sich
unter ihren Händen auf so wunderbare Weise vermehrt, daß es
Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes, Volume 2
- Title
- Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
- Subtitle
- Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes
- Volume
- 2
- Author
- Anton Mätzler
- Publisher
- Landshut Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 1840
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 9.8 x 16.9 cm
- Pages
- 982
- Keywords
- Kirche, Gott, Glaube, Religion
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen