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Am 15. Oktober. 723
finden glaubte, die Gebethe derjenigen, die gleich ihr, seine Hilfe so
sehr bedürften, zu erhören. „Ich hatte," sagte sie, „viel von jener
Einfalt, und nie war ich seliger, als wenn ich ihn im Geiste an
den Oelberg begleitete, und mir da die unaussprechlichen Leiden ver-
gegenwärtigte , die ihm in seiner Todesangst den Blutschweiß aus-
preßten. Wie hätte ich so gerne ihn abgetrocknet!" Eine zärtliche
Andacht hatte sie auch zu der heiligen Magdalcna, an deren Bekeh-
rung sie oft dachte; und zu dem heiligen Augustin, dessen Bekennt-
nisse mehr, als alles Andere, ihr Vertrauen erweckten. Der Zeit-
punkt, als sie diese las, war für sie einer der merkwürdigsten des
ganzen Lebens; denn von dieser Zeit an wandelte sie mit schnellen
Schritten auf dem Wege der Vollkommenheit. Ein mehr sich glei-
cher und stärkerer Drang zum Gebethe, eine außerordentliche Sorg-
falt in Vermeidung der Gelegenheiten, welche ihren Geist hätten
zerstreuen, oder trüben können, — Alles verkündigte eine gänzliche
Umänderung ihrer Seele, und bald überschüttete sie der Herr mit
den ausgezeichnetsten Gaben seiner Liebe, mit jenen sanften rühren-
den Gnaden, und jenen übernatürlichen Gunstbezeugungen, welche
die Seele in den Zustand versetzen, wo sie sich glücklich preiset, Gott
zu dienen, und ihn zu lieben.
Theresia war nicht eine finstere Andächllerin; vielmehr bewun-
derte man an ihr allzeit eine einnehmende Munterkeit, und in ihren
Mienen herrschte fortwährend eine so sanfte Heiterkeit, die lieblich
anziehet; und bei jeder Gelegenheit ermähnte sie auch Andere zu
dieser sanften und sich gleich bleibenden Fröhlichkeit. Nicht weniger
empfahl sie ein demuthsvolles Mißtrauen gegen sich selber, weil die
Demuth uns immer unsere Schwäche und unser Elend vor's Auge
hält, zugleich aber verlangte sie, daß, um die ersten Regungen des
Eifers nicht zu unterdrücken, man allzeit sein lebendiges und kindli-
ches Vertrauen in Gott setze. Wie alle andere Heilige, fand auch
Theresia in der Demuth das Wesen, und den Geist eines vollkom-
menen Lebens. Auf der Demuth ruht das ganze Gebäude der gei-
stigen Unterhaltung mit Gott; je tiefer sich eine Seele erniedriget,
desto mehr gefällt sich Gott darin, sie zu erheben. — Um sich vor
der Täuschung eines falschen Geistes der Andacht, und hinsichtlich
der außerordentlichen himmlischen Tröstungen und Einsprechungen zi:
bewahren, hielt sie sich fortwährend an den Rath, und unterwarf
sich dem Urtheile erprobter Geistesmänner, als: des Franz Sales,
des Franz Borgias u. a.
Als Theresia schon lange den Weg solcher geistiger Vollkom-
menheit gewandelt, und von Gott mit vielen Verzückungen begna-
diget worden war, gerieth sie in eine unnennbare Trostlosigkeit,
welche zwei Jahre anhielt. Auf einmal hörte sie eine Stimme:
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Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes, Volume 2
- Title
- Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
- Subtitle
- Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes
- Volume
- 2
- Author
- Anton Mätzler
- Publisher
- Landshut Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 1840
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 9.8 x 16.9 cm
- Pages
- 982
- Keywords
- Kirche, Gott, Glaube, Religion
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen