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Am 29. Jänner. 775
Erfüllung er auch in der Veredlung des Herzens immer weiter vor-
anschritt. Vor seiner Abreise nach Paris verdoppelte die fromme
Mutter ihren Eifer, ihn unerschütterlich in der Tugend zu begrün-
den. Sie empfahl ihm vor Allem Liebe zu Gott, Liebe zum Ge-
bethe, Vermeidung der Sünde imd der Anlässe, die dazu führen.
Sie wiederholte ihm oft die Worte, welche die Königin Blanka zu
dem heiligen Ludwig zu sagen pflegte: „Mein lieber Sohn, ich
wollte dich lieber todt sehen, als erfahren, daß du nur eine einzige
Todsünde begangen hättest!" Nach Paris ward er begleitet von
einem frommen Priester, dem die sorgfältigen Eltern die Führung
ihres geliebten Sohnes anvertrauten. Neben den ersten Wissenschaf-
ten der Rhetorik und Philosophie, der Gottesgclahrtheit, der hebräi-
schen und griechischen Sprache ?c. sollte er, nach dem Willm seines
Vaters, auch reiten, fechten, tanzen, und überhaupt Alles lernen,
worin ein Edelmann seines Standes nicht ungewandt seyn durfte.
Auch auf diese Uebungen, obgleich er an ihnen wenig Geschmack
fand, verlegte er sich mit Fleiß, weil es der Wille seiner Eltern
war, und erwarb sich dadurch jenen schönen Anstand, der in der
Folge ihn bei seinen Amtsverrichtungen so sehr empfahl. Sein größ-
tes Vergnügen fand er im Lesen und Betrachten der heiligen Schrif-
ten. Nach diesen zog ihn vorzüglich an das Buch des Pater Sc^-
puli vom geistlichen Kampfe, das er beständig bei sich trug. Da-
durch, und durch den Umgang mit tugendhaften Männern, insbeson-
dere mit dem Pater Angclus von Iojeuse, der aus einem Herzoge
und Marschall von Frankreich ein demüthigcr Jünger des heiligen
FranziskuS geworden war, ward er in wahrer christlicher Vollkom-
menheit immer fester begründet. Eine Unterredung mit dem Pater
Angelus über die Nothwendigkeit der Abtödtung bewog ihn, wö-
chentlich dreimal, neben seinen gewohnten Uebungen der Gottselig-
keit, ein härenes Bußklcid zu tragen. Auch legte er um diese Zei'
das Gelübde der Keuschheit ab, in einer Kirche, in die er oft hin-
ging, zu bethen, weil sie an einem einsamen, vom Geräusche der
Menschen entfernten, Orte lag. Dabei empfahl er sich dem Schutze
der allerseligsten Jungfrau, die er um ihre Fürsprache bei Gott an-
flehte, damit er die Gnade der Enthaltsamkeit erlangen möge. Huf
einmal ward der selige Geistesfricdc, den der gottselige Jüngling bis
daher genoffen hatte, zerstört durch eine trostlose Dürre und ver-
zweistungsvolle Schwcrmuth, wobei sich seiner Seele auch noch der
schreckliche Gedanke bemächtigte, daß ihn Gott, den er so sehr liebte,
verworfen habe. Diese harte Prüfung dauerte lange; und in dem
Grade, als sie täglich schwerer wurde, schwanden auch seine körper-
lichen Kräfte dahin; denn er konnte weder essen noch trinken; son-
dern weinte nur immer Tag und Nacht bittere Thränen wehmüthi-
Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes, Volume 2
- Title
- Legenden der Heiligen auf alle Tage des Jahres
- Subtitle
- Die Herrlichkeit der katholischen Kirche, dargestellt in den Lebensbeschriebungen der Heiligen Gottes
- Volume
- 2
- Author
- Anton Mätzler
- Publisher
- Landshut Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 1840
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 9.8 x 16.9 cm
- Pages
- 982
- Keywords
- Kirche, Gott, Glaube, Religion
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen