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50 | www.limina-graz.eu in ihr die Ohnmacht des Individuums im Gegenüber zu transpersonalen
Mechanis men der Lenkung und Regulierung von Lebensmöglichkeiten und
Lebensträumen?
Bevor diese Fragen an einigen ausgewählten Beispielen ritueller Praxis
und Transformation konkret bearbeitet werden, ist ein zumindest grober
Umriss des hier zugrunde gelegten Verständnisses von Ritual und rituel-
lem Handeln zu skizzieren. Dazu hat Axel Michaels unter dem Vorzeichen
aktueller Veränderungsdynamiken einen begrifflichen Rahmen vorgelegt,
der sich als formales Strukturgerüst sowohl für religiös institutionalisierte
als auch für säkulare rituelle Handlungsformen und deren Überschnei-
dungsbereiche bewährt. Michaels geht zunächst von einer spätmodernen
Dynamisierung rituellen Handelns im Sinn emanzipatorischer Prozesse
aus: „Die Geschichte des Begriffs ‚Ritual‘ ist die Geschichte seiner Eman-
zipation.“ (Michaels 2008, 5) Gegenüber klassischen Vorstellungen einer
in archaischen oder mythischen Traditionen gründenden überpersona-
len, kollektiv bindenden Normativität rituellen Handelns stellt Michaels
die Aspek
te der formalen und gestalterischen Plastizität von Ritualen in
Abhängigkeit von ihren jeweiligen Akteuren in den Vordergrund. Dem
entspricht auch die Beobachtung von Krieger und Belliger:
„Rituelle Handlungen weisen eine Autonomie auf, die nicht durch das
Gebundensein an vorgegebene Regeln erklärt werden kann. Offenbar
reagieren Menschen auf die stets sich verändernde Umwelt mit neuen
Handlungsformen, die ihnen erlauben, sich in dieser Welt zu orientie-
ren. Diese Möglichkeit lässt sich daraus erklären, dass Rituale, wie Victor
Turner gezeigt hat, Menschen in einen unbestimmten, nicht-codierten
Bereich der Liminalität führen, in dem nicht nur alte, sondern auch neue
Erfahrungen und Sinngebungen entstehen und bestätigt werden kön-
nen.“ (Krieger/Belliger 2013 [1998], 26)
Das Ritual erfordert demnach neben seiner spezifischen Form räum licher
und zeitlicher Verkörperung oder Repräsentation einen auch sub jektiv
erkennbaren Anlass, einen Entschluss und ein Motiv seitens der darin
involvierten AkteurInnen. Die fest umrissene Gestalt eines Rituals, seine
Förmlichkeit, gewährleistet zugleich die Möglichkeit von gestalterischen
Modifikationen. Als konstitutive Elemente fungieren symbolische Zeichen,
Haltungen oder Gesten, insbesondere am Beginn und am Ende von Ritua-
len. Sie markieren Schwellen und stellen alle Handlungselemente innerhalb
dieser Schwellen unter das Vorzeichen einer symbolischen Verkörperung
von Zuständen, Erwartungen oder Anschauungen, die über das Alltags-
Peter Ebenbauer und Isabelle Jonveaux | Zwischen Selbstermächtigung und Unterwerfung
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 1:1
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 1:1
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 236
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven