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Larissza Hrotkó | Durchbruch des Fundamentalismus? Eine neues Gesicht der Orthodoxie im Judentum Ungarns
Bewegung Aguda, an der die Jüdinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ak-
tiv beteiligt waren. In der orthodoxen Zeitung Zsidó Újság von 1928 war zu
lesen, dass in Dunaszerdahely3 eine Mädchengruppe von Aguda gegründet
worden war, deren Leitung die Rabbinerinnen Weinberger und Katz über-
nommen hatten (Zsidó Újság 1928, 12). Das Wort „Rabbinerin“ kam damals
nicht einmal in den emanzipierten neologen Zeitungen vor. Aller Wahr-
scheinlichkeit nach waren diese Frauen Rabbanot, die Mädchen im Judais-
mus unterrichteten. Es ist also keine Erfindung von Chabad, Jüdinnen zu
verantwortungsvollen religiösen Aufgaben heranzuziehen. So geschah es
auch im 19. Jahrhundert, als die Männer die Versorgung der Gemeinschaf-
ten allein nicht mehr schaffen konnten und deshalb die Gründung synago-
galer wohltätiger Frauenvereine unterstützten.
Der rabbinische Veranstalter der Brooklyner Konferenz von 2020 betonte,
dass immer mehr Frauen die Chabad-Ausbildungshäuser aufsuchen, weil
sie aus der authentischen Quelle des Judentums Kraft schöpfen wollen,
um „die eigene Weiblichkeit positiv zu erleben“ (Zsido.com 2020). Auf der
Brooklyner Konferenz wurden deshalb Workshops zu diesem Thema ver-
anstaltet, damit die Rabbanot den wachsenden Aufgaben entsprechen kön-
nen.
Auch die Theologinnen aus den Reihen von Chabad Lubawitsch greifen das
Thema der Weiblichkeit gern auf. Allerdings schildern sie das jüdische
Frauenleben nur aus der orthodoxen Sicht, obwohl sie sich an alle Jüdinnen
wenden. Ein Beispiel dafür ist die Arbeit von Jody Meyers und Jane Rachel
Litman (vgl. Meyers/Litman 1995). Das Verhalten der orthodoxen Jüdinnen
wird von den Autorinnen im Spiegel von drei sogenannten ‚Frauen-Gebo-
ten‘ dargestellt: Chala (Trennung eines Stücks vom Brotteig vor dem Ba-
cken als Symbol der Darbietung im antiken Jerusalemer Heiligtum), Nerot
(Anzündung der Schabbat-Lichter) und Nida (Einhalten der ritualen Rein-
heitsregeln für die Frauen) (vgl. Meyers/Litman 1995, 52).
Dabei bedeutet Nida für zahlreiche orthodoxe Frauen auch heute noch ein
echtes Paradigma jüdischer Theologie. Die Tage, an denen sich die ortho-
doxen Frauen aus der Öffentlichkeit zurückziehen bzw. jede männliche Be-
rührung vermeiden (hier geht es um die Zeit der Menstruation oder andere
Blutungen der Gebärmutter), seien ihrer Ansicht nach von Gott bestimmt
3 Heute in der Slowakei.
Jüdinnen zu verantwortungsvollen religiösen Aufgaben
heranzuziehen, ist keine Erfindung von Chabad.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 4:1
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 4:1
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 224
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven