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Tanja Grabovac | Religiöser Fundamentalismus und die LGBTIQ-Bewegung in Bosnien und Herzegowina
Seit Kriegsende, und ganz besonders im letzten Jahrzehnt, gewinnt der
LGBTIQ1-Aktivismus in der bosnisch-herzegowinischen Gesellschaft zu-
nehmend an Sichtbarkeit. Nichtregierungsorganisationen mit ihren Agen-
den, die auf Sichtbarkeit und Förderung der LGBTIQ-Gemeinschaft ausge-
richtet sind, schaffen in einer konservativen, patriarchalischen und tradi-
tionellen Gesellschaft bedeutende Fortschritte in Richtung Implementie-
rung der Menschenrechte.
Die Organisation der ersten LGBTIQ-Parade im September 2019 polarisierte
die ohnehin gespaltene Gesellschaft stark. Viele Medien, Persönlichkeiten
des öffentlichen Lebens und Organisationen in Bosnien und Herzegowina
bezeichneten die Parade als eine „Parade der Schande“2. Im öffent lichen
Diskurs von politischen Parteien und Religionsgemeinschaften sowie in
den sozialen Medien wurden häufig von Fundamentalismus, Homophobie,
Hasses und Diskriminierung geprägte Meinungen gegenüber ‚Anderen‘
und ‚Andersartigen‘ vertreten. Das ‚LGBTIQ-Andere‘ in Bosnien und Her-
zegowina wird oft als ‚neues Phänomen‘ charakterisiert und als ‚unserer
Nation unbekannt‘ oder ‚unserer Kultur fremd‘ beschrieben.3 Die LGBTIQ-
Problematik wird also als etwas gesehen, das der bosnisch-herzegowini-
schen Identität fremd ist, das von außen kommt und aufgezwungen wurde.
Ziel dieser Studie ist es, die gegenwärtige Position und Praxis des religiösen
Fundamentalismus in Bosnien und Herzegowina in Bezug auf die LGBTIQ-
Bewegung aufzuzeigen. Die erwähnte erste LGBTIQ-Parade in Sarajevo
dient hierbei als Kristallisationspunkt, an dem Fundamentalismen in Bos-
nien und Herzegowina sichtbar werden. Es ist daher besonders aufschluss-
reich, genauer hinzusehen, welche fundamentalistischen Perspektiven
sich gegen die Parade richteten und wie sie das taten.
Darüber hinaus soll ein weiterer Aspekt ins Spiel gebracht werden. In dieser
Untersuchung werden zwei vom Sarajevo Open Center (SOC) durchgeführte
quantitative Studien analysiert, die zeigen, dass 73 Prozent der LGBTIQ-
Befragten die Zuordnung zu einer ethnischen Identität ablehnen, was als
Widerstand gegen ethnische Spaltungen in der Gesellschaft gewertet wer-
den kann. Dieses Phänomen des Widerstands führt zur Frage: Ist ein Weg
aus dem ethno-religiösen Fundamentalismus in der bosnisch-herzegowi-
nischen Gesellschaft möglich?
Die erste LGBTIQ-Parade in Sarajevo kann als Kristallisationspunkt dienen,
an dem Fundamentalismen in Bosnien und Herzegowina sichtbar werden.
1 „LGBTIQ“ (Lesbian Gay Bisexual
Trans Intersex Queer) steht als Kurz-
form für Geschlechter, Geschlechts-
identitäten und sexuelle Orientie-
rungen, die von zweigeschlecht-
lichen und heterosexuellen Normen
abweichen.
2 https://www.b92.net/info/vesti/
index.php?yyyy=2019&mm=09&dd
=06&nav_id=1587470 [05.03.2021].
3 https://www.klix.ba/vijesti/
bih/udruzenje-mladi-muslima-
ni-uputilo-proglas-povodom-po-
vorke-ponosa/190905076?utm_
medium=Status&utm_sour-
ce=Facebook&utm_con-
tent=190905076&utm_cam-
paign=Klix.ba%20Facebook%20
status&fbclid=IwAR21wgx-
PhHywpCdlhrSbSUt0hW9kL-
QSm5l1q0WY9HdDgVcjUFooUE-
1CHiqc [05.03.2021].
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 4:1
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 4:1
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 224
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven