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Tanja Grabovac | Religiöser Fundamentalismus und die LGBTIQ-Bewegung in Bosnien und Herzegowina
sen wird, eine Familie zu gründen [...]. Dieselbe Schlussfolgerung be-
tont, dass Homosexualität in den Quellen des Islam (Koran und Sunna)
durch große Sünde und Ausschweifung (el-fahish) gekennzeichet und
als solche verboten (haram) ist. Dementsprechend rufen wir anlässlich
der angekündigten Versammlung die Gläubigen auf, sich von der Förde-
rung großer Sünden zu distanzieren [...]. Wir machen die Gläubigen auch
darauf aufmerksam, dass kein Mensch, egal wer es ist, aufgrund seiner
persönlichen Überzeugungen und seiner Orientierung Gewalt gegen eine
andere Person ausüben darf.“10
Der Kommentar der Vereinigung junger Muslime verbindet die Pride Parade
und den Kampf für die Menschenrechte eng mit der ethno-nationalen
Identität.11 Ihrer Meinung nach ist Homosexualität ein neues Phänomen in
der bosnischen Gesellschaft, der Prozess der Europäisierung wird als An-
griff auf die ethno-nationale Identität verstanden, und die Unterstützung
internationaler Organisationen wird wie der Verrat am Leid der eigenen
ethnischen Gruppe im Krieg gesehen. Das Ausmaß des Hasses geht sogar
noch weiter, und LGBTIQ-Personen werden als Pädophile, anfällig für Dro-
genkonsum und als Träger*innen von Infektionskrankheiten beschuldigt.
Die LGBTIQ-Parade am 8. September war nicht das einzige Ereignis. Am
Tag zuvor organisierte die Bürgervereinigung Svjetlo (Licht) einen fried-
lichen Spaziergang, um mit einer Botschaft für die Werte der Familie zu
werben: „Lang lebe die traditionelle Familie“, und am Tag der Parade or-
ganisierte die Initiative Iskorak (Schritte) eine Gegendemonstration. Auf
eini gen Plakaten der Teilnehmer*innen hieß es: „Scheinheilige Bastarde
mit kranken Trieben“, „Sei kein Derpe [abwertendes bosnisches Wort für
einen Schwulen, T. G.], bleib stark“, „Sei schwul, aber zwing mich nicht
dazu, es in Ordnung zu finden“ usw.12
Diese Gegenreaktionen in Form konkreter Proteste gegen die LGBTIQ-
Parade und die Menschenrechte in Bosnien und Herzegowina werden nicht
nur von den Religionsgemeinschaften unterstützt, sondern auch von aka-
demischem theologischem Denken. Einer der Organisatoren der Gegende-
monstration war der islamische Theologe Sanin Musa. Im Gegensatz dazu
verurteilte der Franziskaner Drago Bojić die diskriminierenden Reaktionen
der Religionsgemeinschaften scharf und betonte, dass (Übersetzung T. G.)
„traditionelle christliche oder muslimische Familien von niemandem
von außen bedroht werden, insbesondere nicht von Homosexuellen oder
Atheisten, sondern von innen, weil viele Traditionen, Bräuche und Vor-
schriften der religiösen Tradition die Freiheiten und Rechte der Einzel-
10 http://saff.ba/vijece-muftija-o-
homoseksualnoj-paradi-u-sara-
jevu-pozivamo-vjernike-da-se-
distanciraju-od-promocije-ve-
likih-grijeha/?fbclid=IwAR2zU-
ch0M56WaEqc7-OrNkf2EWhk_
Jr6eXGE-47pqXqe_joEdjsddHt0G2A
[05.03.2021].
11 https://www.klix.ba/vijesti/
bih/udruzenje-mladi-muslima-
ni-uputilo-proglas-povodom-po-
vorke-ponosa/190905076?utm_
medium=Status&utm_sour-
ce=Facebook&utm_con-
tent=190905076&utm_cam-
paign=Klix.ba%20Facebook%20
status&fbclid=IwAR21wgx-
PhHywpCdlhrSbSUt0hW9kL-
QSm5l1q0WY9HdDgVcjUFooUE-
1CHiqc [05.03.2021].
12 https://www.b92.net/info/
vesti/index.php?yyyy=2019
&mm=09&dd=08&nav_
category=167&nav_id=1588211
&fbclid=IwAR0Cn_gbmO12
Jhwsdo4PdkHJMKiCzN9w4RI3
thKDc3CugJG1Y_uUQ5uw1_A
[05.03.2021].
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 4:1
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 4:1
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 224
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven