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Tanja Grabovac | Religiöser Fundamentalismus und die LGBTIQ-Bewegung in Bosnien und Herzegowina
nen ersticken, die im Patriarchat und in autoritär geführten Familien so
sehr an Freiheitsmangel, Ungerechtigkeit und Gewalt leiden und sich
darin oft nicht akzeptiert, gedemütigt und tragisch unglücklich fühlen.“13
3 Trans
ethnische Bürger*innen:
Ein LGBTIQ Phänomen – oder eine Alternative?
Die Nachkriegsgesellschaft in Bosnien und Herzegowina kann man als
eine Gesellschaft mit ethno-nationalen, religiösen, sprachlichen und bil-
dungsbezogenen Spaltungen beschreiben. Nach der Volkszählung von 2013
stimmen nationale und religiöse Identitäten weitgehend überein.14 Die-
se Verschmelzung von religiöser und nationaler Identität ist nicht nur ein
entscheidendes Merkmal der bosnischen Gesellschaft, sondern aller post-
jugoslawischen Nachfolgestaaten.15
Durch Spaltungen, Distanzierung und Hassreden pflegt die bosnische Ge-
sellschaft eine Kultur der Trennung und des Hasses. Ethno-nationale Iden-
tität offenbart automatisch die religiöse Zugehörigkeit und umgekehrt. Zu
dieser gehört auch, welche Sprache man spricht oder mit wem bzw. mit
welcher ethnischen Gruppe man zur Schule geht. In diesem Kreis vonei-
nander abhängiger Identitäten stützt eine Identität die andere. So wie die
nationale Identität das Selbstverständnis der religiösen Identität beein-
flusst, spielen auch alle großen Konfessionen in Bosnien und Herzegowina
eine bedeutende Rolle bei der Schaffung einer ethno-nationalen Identität.
Eine von der OSCE-Mission in Bosnien und Herzegowina im Jahr 2019
durchgeführte Umfrage zeigt das Ausmaß der Diskriminierung und Tren-
nung. Laut den Ergebnissen der Umfrage erklärten 58,2 Prozent der Be-
fragten, dass sie keine*n Freund*in/Kolleg*in/Bekannte*n aus einer re-
ligiösen Minderheit in ihrem Gebiet haben, 63,3 Prozent haben keine*n
Freund*in/Kolleg*in/Bekannte*n aus der Roma-Gemeinschaft und 85
Prozent keine*n Freund*in/Kolleg*in/Bekannte*n aus der LGBTIQ-Ge-
meinschaft (vgl. OSCE 2020, 25).
Vor dem Hintergrund dieses sozialen Kontextes sind zwei Umfragen von
SOC, einer Menschenrechtsorganisation, die besonders für Frauen- und
LGBTIQ-Rechte in Bosnien und Herzegowina eintritt, von außerordent-
13 Bosniaken (muslimisch):
1.769.592 oder 50,11%; Serben
(orthodox): 1.086.733 oder 30,77%;
Kroaten (katholisch): 544.780 oder
15,42%; andere: 3,7%.
14 Siehe auch: http://www.statis-
tika.ba/ [05.03.2021] und Cvitković
2017, 29.
15 Siehe die Diskussion in Sremac/
Ganzevoort 2015.
In einem Kreis voneinander abhängiger
Identitäten stützt eine Identität die andere.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 4:1
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 4:1
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 224
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven