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Tanja Grabovac | Religiöser Fundamentalismus und die LGBTIQ-Bewegung in Bosnien und Herzegowina
licher Bedeutung. In zwei quantitativen Studien, die 2013 und 2017 durch-
geführt wurden, gaben nämlich 73 Prozent (vgl. Čaušević 2013, 29) und
69,1 Prozent (Numanović 2017, 16) der befragten Menschen in der LGBTIQ-
Community keine ethnische Zugehörigkeit an.
Ausgehend von diesen Studien verwendet Adelita Selmić bei der Erfor-
schung des LGBTIQ-Aktivismus im ethnokratischen Staat Bosnien und
Herzegowina in Bezug auf LGBTIQ-Personen den Begriff ‚trans-ethnische
Bürger*innen‘ (vgl. Selmić 2016, 210–211). Der Trans-(Ethno-)Nationa-
lismus bildet einen wesentlichen Aspekt der LGBTIQ-Identität in Bosnien
und Herzegowina, wobei die aufgezwungene ethno-nationale Identität ihre
führende Rolle in Bezug auf gesellschaftliche Spaltungen verliert. Inner-
halb der komplexen bosnischen Gesellschaft überwindet und transzendiert
das LGBTIQ-Phänomen nicht nur ethno-nationale Spaltungen, sondern
auch die soziale Mischung aus religiösem und sexuellem Nationalismus.
An dieser Stelle sollte betont werden, dass die Menschen in der LGBTIQ-
Gemeinschaft selbst dann keine innere Spaltung nach Nationalitäten be-
treiben, wenn sie sich zu einer ethnischen Gruppe zugehörig fühlen. Das
heißt, wir sind hier mit einer doppelten Überwindung konfrontiert: erstens
mit der Nicht-Identifikation mit der aufgezwungenen ethno-nationalen
Identität und zweitens damit, dass selbst dann, wenn sich ein Individuum
in Übereinstimmung mit der aufgezwungenen ethno-nationalen Identität
identifiziert, dies noch immer kein Grund für Distanz und Spaltung vom
Anderen ist.
Dieses Phänomen der LGBTIQ-Gemeinschaft ist in der bosnischen Ge-
sellschaft einzigartig. In einem ethnokratischen Staat mit ethnischen und
anderen Spaltungen bilden LGBTIQ-Individuen einen Cluster, in dem die
eigene Existenz und die Beziehungen ohne ethnisch und religiös aufge-
zwungene Spaltungen gelebt werden.
Dies erfordert eine multiperspektivische Analyse. Zum einen geht es, wie
Adelita Selmić betont, um eine politisch relevante Identität, die die Erfül-
lung der Menschenrechte unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit er-
fordert (vgl. Selmić 2016, 211), zum anderen wird hier nicht nur die sozio-
politische Dimension dieses Phänomens erforscht, sondern gleichzeitig
auch die Möglichkeit und das Potenzial einer theologischen Interpretation
des Trans-(Ethno-)Nationalismus. Dafür möchte ich nicht den Begriff
Selbst wenn sie sich einer ethnischen Gruppe zugehörig fühlen, betreiben Menschen
in der LGBTIQ-Gemeinschaft keine innere Spaltung nach Nationalitäten.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 4:1
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 4:1
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 224
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven