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LIMINA - Grazer theologische Perspektiven
Limina - Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
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172 | www.limina-graz.eu Franz Winter | Hat neben Gottes Allmacht der freie Wille noch Platz? Die frühe theologische Diskussion und wichtige Festlegungen Diese Spannung, die sich in den grundlegenden Texten ergab, wurde nun schon im frühen 8. Jahrhundert im Zuge einer Debatte thematisiert, die viel zur prinzipiellen Klärung beitrug, zumal die Themenstellung eng mit weite- ren Fragen wie der Theodizee oder der Frage irdischer Gerichtsbarkeit (ge- genüber göttlicher) und der zugrundeliegenden Verantwortung des Men- schen verbunden ist. Als Ausgangspunkt für die Erforschung dieser frühen Debatte gilt ein „Brief“ (risāla) des Korangelehrten und Predigers Ḥasan al-Baṣrī (642–728), dessen großer Einfluss auch an der Fülle an pseud- epigraphischem Material ersichtlich ist, das unter seinem Namen kursierte (van Ess 1992, 41–49). Der Brief richtet sich an den bedeutenden Umayya- denherrscher ‘Abd al-Malik (646–705) und rekurriert auf eine Debatte, die durch die sogenannten Qadariten angestoßen wurde (Überblick über die historische Entwicklung bei van Ess 1991, 72–135; grundlegend auch Watt 1948; id. 1973, 82–118; 232–242). Diese keineswegs einheitliche Strömung entwickelte sich bereits im ausgehenden 7. Jahrhundert und sprach sich für eine höhere Gewichtung des menschlichen Willens (in verschiedenen Ab- stufungen) aus. Die Tatsache, dass sie in ihrer Bezeichnung eigentlich mit dem qadar-Begriff verbunden wurde und damit auf den ersten Blick genau dem Gegenteil dessen, was für sie wichtig war, verdankt sich der polemi- schen Wahrnehmung dieser Entwicklung. Möglicherweise ist diese Strö- mung auch als Oppositionsbewegung gegen die herrschende Umayyaden- dynastie entstanden, die mit ihrem Kalifatsverständnis, das als Ausfluss ei- ner göttlichen Vorherbestimmung absolut gesetzt wurde, jeden Widerstand gegen sich als Widerstand gegen Gott und seinen Willen interpretierte. Mit der Betonung des freien Willens und der Grundthese, dass schlechte Taten (der Umayyadenherrscher) nicht als vorbestimmt hinzunehmen sind, er- gibt sich in der Qādiriyya die Erlaubnis zum aktiven Widerstand. Faktum ist, dass diese frühe Bewegung eine Zeitlang eine große Bedeutung hatte und im Zentrum heftiger Debatten stand (zur Verknüpfung mit den konkreten politischen Verhältnissen vgl. Hughes 2013, 188). In der nach- träglichen Betrachtung ist oft der Trend bemerkbar, die Bedeutung dieser Bewegung zu schmälern und wichtigen Theologen der Frühzeit eine Nähe abzusprechen (vgl. van Ess 1992, 45–46, zur Debatte um Ḥasan al-Baṣrī). Demgegenüber wurde die Relevanz der neuen Strömung für frühe Auf- standsbewegungen beispielsweise unter Ma‘bad al-Juhanī (gest. 699) oder im Zusammenhang mit Persönlichkeiten, die später als „Häretiker“ ausge- schieden wurden, wie beispielsweise dem Gelehrten Ghaylān al-Dimashqī
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Limina Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
Title
Limina
Subtitle
Grazer theologische Perspektiven
Volume
2:2
Editor
Karl Franzens University Graz
Date
2019
Language
German
License
CC BY-NC 4.0
Size
21.4 x 30.1 cm
Pages
267
Categories
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