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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
Vorbemerkung
Beginnend in den Nachkriegsjahrzehnten, und insbesondere mit der Ver-
breitung des technisch-ökonomischen Entwicklungsmodells des globalen
Kapitalismus, machen die hochentwickelten Gesellschaften erstmals in der
Geschichte die Erfahrung eines Zustands der Massenfreiheit.
Diese Art der Freiheit erbt die Inhalte der wichtigsten modernen Denk tra-
ditionen: der liberalen Tradition, die auf einem Subjekt beharrt, dessen
Freiheit keinerlei äußerliche Wahrheit bzw. Autorität zulässt, und der kri-
tischen Tradition, welche – da sie angesichts des Verlusts jeglichen Ver-
trauens in die Vernunft keinen Sinnhorizont mehr zu denken vermag – die
Richtung der systematischen Dekonstruktion einschlägt, bei der lediglich
die individuelle Meinung standhält (Harvey 1990).
In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nimmt bei diesem Sze-
nario ein neuartiges Bündnis Gestalt an – jenes zwischen übertriebenem
Individualismus und bloß negativer Kritik –, das durch ein bestimmtes in-
stitutionelles Modell gestärkt wird. Das Hereinbrechen der Krise, welche
die Weltwirtschaft befallen hat, ihr zeitliches Fortdauern und die daraus
resultierenden Phänomene gesellschaftlicher Fragmentierung lösen die
Widersprüche dieses Modells ab und machen es zwingend erforderlich,
seine Denkweisen und Voraussetzungen offen zu legen und kritisch zu
analysieren, wie einige Autoren hervorgehoben haben (Sen 1999; Porter/
Kramer 2011; Stiglitz 2002, 2010; Stiegler 2010).
Ausgehend davon wird in diesem Artikel angenommen, dass es auch not-
wendig ist, den Freiheitsbegriff dieses Modells zu überdenken – von dem
Moment an, in dem er der instrumentalen und individualistischen Perspek-
tive, die typisch für die technischen und technisch-ökonomischen Systeme
ist, stärker angepasst wurde als der expressiven und relationalen, welche
die innere Matrix der Freiheit selbst darstellt, wie schon einige klassische
Autoren des soziologischen Denkens andeuten, auf die hier Bezug genom-
men wird (insbesondere Georg Simmel).
Unter dem Begriff ‚das technisch-ökonomische System‘ versteht man ein
System, das ausgehend vom Prozess der technischen Rationalisierung Ge-
stalt annimmt, die im Jahrhundert der Industrialisierung begonnen hat,
um dann nach und nach unser alltägliches Leben zu strukturieren, das
Es ist notwendig, den Freiheitsbegriff des technisch-ökonomischen
Entwicklungsmodells des globalen Kapitalismus zu überdenken.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven