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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
nologie realisiert die Technik einen unbestimmten Prozess der Zunahme
von Möglichkeiten und kontinuierlicher Innovation, deren Auswirkungen
im Leben der Menschen immer greifbarer werden (Agamben 2007). So wie
der Markt beschrÀnkt sich auch die Technik darauf, die Spur bereitzustel-
len, innerhalb der sich die unendliche Vielfalt der individuellen Handlun-
gen vollziehen kann, nachdem sie diese nachdrĂŒcklich verstĂ€rkt und das
Spektrum der verfolgbaren Zwecke erweitert hat. Hierzu kommt noch der
Beitrag einer spezifischen Weltanschauung, die auf dem Nihilismus basiert
und ein kulturelles Substrat bildet, das insbesondere den Zweck hat, jeg-
liche Bedeutung zu manipulieren, um die als expansive Bewegung aufge-
fasste Freiheit nicht zu behindern.
In der gesellschaftlichen Zusammensetzung der letzten Jahrzehnte des 20.
Jahrhunderts bildet sich so ein Machtsystem heraus, in welchem die tech-
nische Dimension es ermöglicht, die verschiedenen AblÀufe effizient zu
ordnen und abstrakte Codes bereitzustellen, die einen Austausch auch jen-
seits der kulturellen Vielfalt ermöglichen können und deren Bedeutungen
sich durch die nihilistische Weltanschauung umkehren lassen: Der ,tech-
nisch-nihilistische Kapitalismusâ erweist sich also als neue Organisati-
onsform des gesellschaftlichen Lebens (Magatti 2009). Mit seinem ,neuen
Geistâ (Boltanski/Chiapello 1999) bildet er einen Vorstellungsraum aus, der
Strukturierungslogiken gemeinschaftlicher Beziehungen und Rechtferti-
gungen unterstĂŒtzt und die soziale Welt konstituiert, in der sich die Ak-
teure bewegen. Die Koordinaten dieses Vorstellungsraumes bedienen sich
des ,Ă€sthetischen Raumesâ (Lull 2000): eines Raumes, der â unter ande-
rem auch mittels medialer Kommunikation â fĂŒr die Entwurzelung und die
Schichtung der Kultur auf verschiedenen Ebenen optiert, mit heterogenen
Inhalten, die in jede soziale Welt eindringen, ohne die Bedeutungen lÀnger
an einem Ort, in einer Gruppe, in einer Institution zu verorten. Es sind viel-
mehr die neuen technischen Möglichkeiten, die auf Basis der immer viel-
fÀltigeren erreichbaren Zwecke die Bedeutungen unserer Erfahrungen und
die Ziele unserer Handlungen neu definieren. Dies verstÀrkt die Ablösung
von Funktionen und Bedeutungen (Castoriadis 1996), die sich aus jenem
Bruch ableitet, der bereits von der klassischen Soziologie erkannt worden
war â allen voran bei Georg Simmel und Max Weber: der Bruch zwischen
Vernunft und Verstand, d. h. zwischen dem Prinzip, das unsere Erkenntnis-
Der âtechnisch-nihilistische Kapitalismusâ erweist sich
als neue Organisationsform des gesellschaftlichen Lebens.
genĂŒgt es, die klassischen Studien
von Wallerstein (1988) und auch
einige Richtungen der Diskussion
zu nennen: beispielsweise zur Ăber-
windung der Nationengrenzen und
zur Ăbereinstimmung eines Gebiets,
einer Kultur, einer IdentitÀt und
eines Entwicklungsmodells, wie
sie vom soziologischen Denken der
Mitte des zwanzigsten Jahrhun-
derts gefordert wurde (Beck 1997;
Bauman 1998); zur Entkoppelung
zwischen politischen und wirt-
schaftlichen Institutionen und den
daraus folgenden Prozessen der
Deregulation und des Aufbaus eines
globalen Marktes (Harvey 2010); zur
Explosion der MobilitÀt von Zeichen,
Symbolen und Kulturen (Tomlinson
1999); zum Aufbau eines planeta-
rischen technischen Systems (Ellul
1954); zur Entstehung der globalen
StÀdte (Sassen 1991).
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven