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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
züglich der Anforderungen des Systems nicht als performativ und wettbe-
werbsfähig gelten. Andererseits macht sich die Vorstellung eines in all sei-
nen Eigenschaften erweiterten bzw. ,augmentierten‘ Menschen breit, eines
Menschen, der so verlässlich wird wie eine Maschine. Aus der heteroge-
nen Community der Transhumanisten geht das Vorhaben eines technisch
potenzierten Menschen hervor, dessen Umsetzung durch die Kombinati-
on dreier Faktoren legitimiert wird: der verfügbaren technischen Mittel,
eines Marktes, auf dem spezialisierte, auf neuartige Verbraucherinnen und
Verbraucher ausgerichtete Unternehmen agieren, sowie einer weitgehend
vollständigen individuellen Handlungsfreiheit.
Die Macht der Technik neigt dazu, Hilflosigkeit, Unangemessenheit und
Unvollkommenheit zu beseitigen, indem Macht vergrößert wird, und die
Wirksamkeit einer solchen Antwort ist nicht zu unterschätzen (insbeson-
dere wenn sie sich um wirksame Lösungen für Probleme bemüht wie Un-
gerechtigkeit, Armut, Krankheit usw.). Das Problem offenbart sich dort, wo
der Vorstellungsraum einer Freiheit nicht hinterfragt wird, die als reine
Vermehrung unserer Möglichkeiten aufgefasst wird, so weit als möglich zu
kommen und Grenzen aufzuheben. Diese Tendenz impliziert immer, dass
jemand im Namen der Freiheit anderer Menschen geopfert werden muss,
wobei allerdings die Gefahr einer Schwächung der Freiheit als soziales Pro-
jekt in Kauf genommen wird. Es handelt sich, wie uns aus der Geschichte
wohl bekannt sein dürfte, um einen Weg ohne Wiederkehr. Die Akzeptanz
der Aufhebung einer Grenze bringt die Aufhebung der konkreten Realität
mit sich, die der Ort ist, an dem das Spiel der Freiheit Gestalt annimmt;
und es nimmt darin Gestalt an, indem es das wieder zusammenbringt, was
innerhalb des Fragmentierungsprozesses getrennt wurde: das Individuum
mit dem Anderen/den Anderen; das Endliche mit dem Unendlichen; die Ge-
genwart mit der Zukunft; die Zweckmäßigkeit mit dem Sinn.
Ein notwendiger Kurswechsel
Der erste Schritt zum Wandel erfordert die Einsicht, dass beim technisch-
nihilistischen Kapitalismusmodell ein Großteil der Wirklichkeit schlicht-
weg ausgeschlossen wird. Und, wie dies für jede andere Krise gilt, kann
Die Macht der Technik neigt dazu, Hilflosigkeit und Unvollkommenheit
zu beseitigen, indem Macht vergrößert wird.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven