Page - 192 - in Limina - Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
Image of the Page - 192 -
Text of the Page - 192 -
193 | www.limina-graz.eu
Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
BĂŒhne und ihre institutionellen Formen projiziert, ist jedoch eine imagi-
nÀre Freiheit, zumal sie auf einer mangelhaften anthropologischen Sicht-
weise beruht. Die Pathologien der Freiheit betreffen, nicht zufÀlligerweise,
die SphÀre der Beziehungen des Menschen zu sich selbst, zum Anderen, zur
Welt. Dies zeigt, wie schwer es in der Tat ist, Freiheit nicht nur zu erobern,
sondern sie vor allem zu erhalten und auszuleben. Ganz besonders gilt dies
fĂŒr die Freiheit der Freien, also fĂŒr die Freiheit jener Individuen, die einem
Freiheitsumfeld angehören.
Um aus der Sackgasse wieder herauszukommen, bedarf es dringend eines
neuen Vorstellungsraums von Freiheit, zumal die Entwicklung stets einer
Kombination vielfÀltiger struktureller, aber auch kultureller und mensch-
licher Faktoren entspricht, wie auch die Lehren der Klassiker des soziolo-
gischen Denkens bestĂ€tigen: Diese hatten die Bedeutung der ,seelischenâ
Dimension im gesellschaftlichen Leben erfasst, wobei ,seelischâ hier die
Vorstellung des Menschen aufruft, die den Modellen gesellschaftlichen Zu-
sammenlebens zugrunde liegt.
Aufzeichnungen zum Thema: Freiheit neu denken
Georg Simmel, der uns mit seinen Gedanken zum Thema der Freiheit in
seinen Schriften ein wertvolles Erbe hinterlassen hat und auf den wir uns
im Folgenden mehrfach beziehen werden, betont allenthalben die relatio-
nale Struktur des Subjekts und indirekt auch der Freiheit. In seiner Soziolo-
gie (1908) argumentiert er, dass die Freiheit
âfĂŒr ein Wesen [âŠ], das mit andren in Verbindung steht, [âŠ] eine viel
positivere Bedeutung [hat]. Sie ist eine bestimmte Art der Beziehung zu
der Umgebung, eine Korrelationserscheinung, die ihren Sinn verliert,
wenn kein Gegenpart da ist. [âŠ] die Freiheit ist kein solipsistisches Sein,
sondern ein soziologisches Tun, kein auf die Einzahl des Subjektes be-
schrĂ€nkter Zustand, sondern ein VerhĂ€ltnis.â (GSG 11, 98â994)
Hieraus wird deutlich, dass sich die Freiheit nicht nur ausgehend von ihrer
auflösenden Seite (bei der das auflösende und ablösende Moment betont
wird) her verstehen lĂ€sst, sondern vielmehr auch ĂŒber ihre neu zusam-
mensetzende FĂ€higkeit.
Die Freiheit ist an und fĂŒr sich eine Beziehungserfahrung, die nicht nur
ablöst, sondern vielmehr neu verbindet: Wenn sie sich verwirklichen will,
4 Zitate aus Simmels Texten erfol-
gen nach der Gesamtausgabe in 24
BĂ€nden (1989â2015), abgekĂŒrzt als
GSG. Die einzelnen Texte von Georg
Simmel, die innerhalb der GSG kon-
sultiert wurden, sind im Literatur-
verzeichnis angefĂŒhrt.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven