Page - 196 - in Limina - Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
Image of the Page - 196 -
Text of the Page - 196 -
197 | www.limina-graz.eu
Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
bald darauf der Theologe Romano Guardini als âpolaren Gegensatzâ (1925)
umrissen hat. Unter diesem Gesichtspunkt bildet sich das Ich beim Zusam-
mentreffen des historischen, natĂŒrlichen und relationalen Umfelds.
Rund ein Jahrhundert nach Simmels Lehren stellen wir fest, dass die Dis-
tanznahme von der RealitÀt letztlich nicht nur das Subjekt schwÀcht, son-
dern sogar eine Gesellschaft von AutistInnen hervorbringt. Die Freiheit
neu zu denken wÀre demnach der Versuch, angemessene Antworten auf die
Frage der sozialen Bindungen zu suchen, und zwar ĂŒber die GleichgĂŒltig-
keit und Unannehmlichkeit hinaus, die innerhalb des modernen und zeit-
genössischen Vorstellungsraums damit assoziiert werden. Hier hat sich
das Pendel auf die Seite der IndividualitÀt verschoben, auf die alles bezo-
gen wird. So ist es kein Zufall, wenn die forcierte Individualisierung Gefahr
lĂ€uft, durch die Suche nach (tendenziell rĂŒckwĂ€rtsgewandten) kommuni-
taristischen Formen kontrastiert zu werden, die eine organizistische und
fusionale Sichtweise des Gesellschaftlichen heraufbeschwören, die ebenso
gefÀhrlich und tendenziell darauf ausgerichtet ist, Freiheit gegen Sicher-
heit einzutauschen.5
Sowohl im Falle der individualistischen Auffassung als auch in dem der
organizistischen stellt sich jedoch erneut der Dualismus zwischen Indivi-
duellem und Sozialem ein und somit ein Zustand stÀndiger Unsicherheit,
bis hin zur Pathologisierung des VerhÀltnisses zwischen Individuum und
Gruppe sowie zur Aufhebung eines der beiden Pole und dem Verschwinden
der Voraussetzungen des VerhÀltnisses.
Die Annahme der GleichursprĂŒnglichkeit der beiden Pole in einem ,meta-
stabilenâ Gleichgewicht (wie Simondon [1992] es nennen wĂŒrde) impliziert
eine relationale Auffassung der Freiheit. Diese Auffassung erfordert einer-
seits das Individuum, und erfordert es in seiner Eigenschaft als FĂŒr-sich-
Seiendes; andererseits geht diese Auffassung nicht nur in Richtung des
Wachstums und einer individuellen Autonomie, sondern auch in Richtung
von Bedingungen, die es der Freiheit erlauben, sich relational im VerhÀltnis
zur Wirklichkeit zu entwickeln, die es gegenĂŒber dem Subjekt in ihrer un-
beugsamen AlteritĂ€t zu schĂŒtzen gilt.
Die Vorstellung eines Ichs, das unabhÀngig von seinem Kontext existiert,
stellt eine Abstraktion dar. Frei zu sein bedeutet nicht, fortwÀhrend die
(relationalen, symbolischen, institutionellen) Verbindungen zu durch-
5 NĂ€her betrachtet, macht das Ver-
langen nach Sicherheit, angesichts
der zunehmenden Risiken, gewis-
sermaĂen das Ergebnis jener Logik
aus, aus der heraus sich die Gesell-
schaft der Individuen entwickelt hat
(Bauman 1988; Baumann 2001).
Ein âmeta-stabilesâ Gleichgewicht zwischen Individuum und Sozialem
impliziert eine relationale Auffassung der Freiheit.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven