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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
trennen: Ein solches Verhalten fĂŒhrt notwendig zu neuen und heimtĂŒcki-
scheren Formen der AbhÀngigkeit, die in einer technischen Gesellschaft als
AbhÀngigkeit von Systemen und unpersönlichen, abstrakten bzw. funk-
tionalen Denkmustern entstehen, im Sinne dessen, was Michel Foucault
(2004) als âbiopolitische Machtâ definierte. In derartigen AbhĂ€ngigkeiten
verschwindet das Individuum.
Nach Simmel darf die Definition von Freiheit umso weniger oberflÀchlich
sein, je mehr das Konzept der Person eine angemessene Position gefunden
hat und somit realistischer gesehen wird, nĂ€mlich als âein Komplex von
QualitĂ€ten, Gedanken, GefĂŒhlen, vielleicht gar ein metaphysisches Etwasâ
(GSG 4, 135). Ein Individuum ist dem anderen Du sowie der Welt gegenĂŒber
beziehungsfÀhig, ohne durch den es umgebenden Kontext vollstÀndig ein-
verleibt zu werden, und es erhÀlt hierbei die eigene Innerlichkeit aufrecht,
jedoch ohne sich in einer inneren, autoreferentiellen Welt zu verschlie-
Ăen; es ist fĂ€hig, sich vor der Durchdringung und dem Grundrauschen der
Schnelllebigkeit zu schĂŒtzen, die jenen Systemen eigen ist, die Individuen
dazu veranlassen, zu schreien, um gehört zu werden,6 um so eine Bezie-
hung aufnehmen zu können, die imstande ist, den von der Wirklichkeit
aufgeworfenen Fragen entgegenzutreten.
Begrenzungen der Freiheit, Möglichkeit der Freiheit
Nach den herrschenden Vorstellungen ist das Subjekt dann freiheitsfÀhig,
wenn es sich den Ereignissen gegenĂŒber in unbedingter und unbegrenzter
Weise offen hĂ€lt, ohne sich zu entscheiden, denn andernfalls wĂŒrde es sich
die Möglichkeit weiterer Gelegenheiten verbauen. Dem liegt der Mythos
zugrunde, wonach die Freiheit, nachdem eine Entscheidung getroffen ist,
sich erschöpft: Wenn man sich entscheidet, wird man gezwungen, sich von
anderen Möglichkeiten zu trennen, d. h. sich von ihnen zu âscheidenâ; und
wo eine Entscheidung zu treffen ist, darf man jedenfalls nicht, oder allen-
falls zeitweilig, zu sehr an etwas hÀngen, um stets einen Ausweg offen zu
halten (Bauman 1988).
Dieser Vorstellungsraum ist nicht zuletzt deshalb so durchschlagskrÀftig,
weil die gewachsene Gesellschaftsform, in der wir in einer historischen Ab-
folge leben, wie schon betont wurde, es gelernt hat, die Ăffnung des Men-
Die Vorstellung eines Ichs, das unabhÀngig von seinem Kontext existiert,
fĂŒhrt zu neuen und heimtĂŒckischeren Formen der AbhĂ€ngigkeit.
6 Vgl. Georg Simmels Essay Die
GroĂstĂ€dte und das Geistesleben, 1903,
jetzt in GSG 7.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven