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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
Existenz unerlÀsslichen) Grenzen nicht die FÀhigkeit verlieren sollen, sich
als porös zu denken, um so mit dem Dynamismus des Lebens in Kontakt zu
bleiben. Dies kann eine fortwÀhrende Erneuerung der existierenden sozia-
len Formen anregen.
Freiheit ist nichts anderes als das ,seelischeâ (menschliche) Element, das
dazu imstande ist, jede Form zu beleben, deren Seele es ausmacht. Daher
ist das VerhÀltnis, das die Freiheit mit der Wirklichkeit eingehen kann ein
VerhÀltnis, das mit der Zeit das von innen her dynamisiert, was andernfalls
dazu neigen wĂŒrde, zu erstarren.
Die ,generativeâ Freiheit
Innerhalb des technisch-nihilistischen Vorstellungsraums wurde die Frei-
heit im Rahmen des ,Produktionsparadigmasâ erfasst: Sie wurde identifi-
ziert mit der stÀndigen Produktion von Möglichkeiten im materiellen und
im quantitativen Sinne, indem die Ăffnung des Menschen abgefangen und
auf die Zwecke des expansiven technisch-ökonomischen Entwicklungs-
modells umgeleitet wurde.
Innerhalb der in gewisser Hinsicht neuartigen Erfahrung einer Massenfrei-
heit in den entwickelten Gesellschaften stellt sich â wie Weber und Simmel
bemerken wĂŒrden â die Frage, ob die Freiheit auf die Annahme jenes Para-
digmas festzulegen sei, mit der Gefahr, sich in jenem âstahlharten GehĂ€u-
seâ zu verschlieĂen, das âFachmenschen ohne Geist und GenuĂmenschen
ohne Herzâ (Weber 2016, 171â172) produziert und so das GefĂ€lle zwischen
âobjektiver Kulturâ und âsubjektiver Kulturâ vergröĂert, bis âdas Ich zer-
flattertâ (Simmel, GSG 4, 157).
Die oben umrissenen ĂbergĂ€nge beleuchten die Freiheit neu, angefangen
von ihrer inneren Struktur, und betrachten sie als Beziehungserfahrung,
deren auflösende Seite nicht absolut ist: Sie ist in der Tat dazu imstande,
das Individuum neu an die Wirklichkeit des Anderen anzubinden (da die-
ser seinem Wesen nach sozial veranlagt ist) sowie an die Wirklichkeit der
Grenze (die es dem Leben erlaubt, sich zu entfalten) und der Verantwor-
tung â als der Grundlage der Freiheit â, etwas nicht Voraussehbares ins
soziale Leben einzubringen. Diese Wege fĂŒhren zu einem anderen Paradig-
ma, nĂ€mlich zu jenem der âGenerativitĂ€tâ.
Der Mensch ist mit Freiheit begabt, auch um Freiheit zu ,generierenâ.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven