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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
Dieses geht von einer reduktiven anthropologischen Sichtweise des be-
herrschenden Vorstellungsraums aus. Der Mensch ist widerstandsfÀhig
und mit Freiheit begabt, und zwar nicht nur, Freiheit auszuĂŒben, sondern
auch, Freiheit zu ,generierenâ, und folglich auch, fortwĂ€hrend die â rela-
tio nalen â Voraussetzungen zu reproduzieren, innerhalb derer Freiheit
aufblĂŒhen kann.
Erik Erikson (1987), der die ,GenerativitĂ€tâ im psychologischen Bereich
hinsichtlich der Entwicklungsstadien der Persönlichkeit thematisierte,
hebt hervor, wie die Handlung des ,Generierensâ den Ăbergang vom Ju-
gend- ins Erwachsenenalter markiert; einen Ăbergang, der niemals auto-
matisch oder vorhersehbar ist: Um sich nicht zu einer Implosion oder Sta-
gnation zu entwickeln, erfordert dieser Ăbergang die Auseinandersetzung
mit der Wirklichkeit.
Die Bewegung des ,Generierensâ bildet kein rein individuelles Vorrecht
(McAdams/Hart/Maruna 1998). TatsÀchlich verursacht sie eine besondere
Form sozialen Handelns, die wir im Rahmen unserer seit einigen Jahren
andauernden Studien und Feldforschungen als ,soziales generatives Han-
delnâ umrissen haben:10 ein Handeln, das grundlegend relational ist und
das sich, mit Hannah Arendt gesprochen, nicht auf das reine ,Herstellenâ
reduzieren lĂ€sst, sondern die ZĂŒge rein menschlichen, also freien Handelns
aufweist. Es geht um ein Handeln, das von der Anerkennung einer grund-
legenden anthropologischen Bewegung ausgeht: Der Mensch nimmt die
Wirklichkeit nicht nur in sich selbst auf (vor allem mittels des Konsums),
sondern versetzt sich vielmehr aus sich selbst heraus, indem er in Form
des Erschaffens und Generierens etwas ins Leben ruft. Diese ĂŒberschĂŒssi-
ge Dyna mik verwickelt die Subjekte in eine Bewegung der Selbsttranszen-
denz, die sie ĂŒber sich selbst hinausfĂŒhrt, indem sie den Anreiz des Wun-
sches und des Lebens begĂŒnstigt, das ein âMehr-als-Lebenâ generiert.
Das Paradigma der GenerativitĂ€t, das im ,sozial generativen Handelnâ em-
pirisch betrachtet wurde, erfolgt in drei Bewegungen:
1. Zur Welt bringen (initiatorische Phase),
2. Sich kĂŒmmern (organisatorische Phase),
3. Loslassen (transitorische Phase),
die unter einer ĂŒberzeitlichen Perspektive auf die Verbesserung der Welt
ausgerichtet sind, die die zukĂŒnftigen Generationen betrifft.
10 Das Projekt betrifft die ,sozi-
ale GenerativitĂ€tâ und wird an der
Katholischen UniversitÀt Mailand
durch ein Team von Wissenschaft-
lerInnen und ForscherInnen erar-
beitet, dem auch die Verfasserin des
vorliegenden Beitrags angehört.
Siehe insbesondere Magatti 2018b.
Zur Feldforschung siehe www.gene-
rativita.it. Sozial generatives Handeln: drei Bewegungen
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven