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Massimo Recalcati | Die Zerstörung des sozialen Bandes und die Hyperaktivität im Diskurs des Kapitalisten
Sein (ihr singuläres Begehren) zu retten, erzeugt der Diskurs des Kapitalis-
ten nur Pseudo-Mängel, welche den Zweck haben, illusorisch neue Objek-
te zu generieren, die sich, alternativ zur Liebe, als Lösungsvorschläge für
den Schmerz des Existierens anbieten. Deswegen spricht Lacan von einer
allgemeinen Proletarisierung als Folge des Diskurses des Kapitalisten. Der
Mangel wird nicht gewahrt, sondern muss produziert und kontinuierlich
genährt werden, als wäre er ein Kunstgriff zur anonymen Wiederholung
des Genießens des Selbst. Das ist der Grund, weshalb dieser Mangel, den
die List des Diskurses des Kapitalisten produziert, auch nichts mit dem
Mangel des Daseins des Subjektes zu tun hat, insofern es sich bei Ersterem
um einen Mangel handelt, der dem Kreislauf des reinen Konsums unter-
worfen ist. Es handelt sich um eine Reduktion des Mangels selbst auf eine
Leere, die sich nach der eigenen (unmöglichen) Erfüllung sehnt. Während
der hysterische Mangel immer mit dem Begehren in Verbindung bleibt, ist
jener künstlich geschaffene im Diskurs des Kapitalisten ausschließlich an
den todbringenden Zwang des Genießens gebunden. Aus diesem Grund ist
der Diskurs des Kapitalisten eher eine Manifestation des Todestriebes als
ein Ausdruck der hysterischen Nicht-Befriedigung des Begehrens.
Zwei Formen des „Mehr-Genießens“
Der Diskurs des Kapitalisten vergöttert nicht das Objekt klein a als verlorenes
Objekt und als Grund seines Begehrens. Sein Produkt ist nicht das „Mehr-
Genießen“ („plusgodere“). Letzteres ist lediglich das generative Ergebnis
des Gesetzes der Kastration. Diese weckt ein neues Begehren, das ein an-
deres Genießen erschließt, das Mehr-Genießen eben. Notwendigerweise ist
das Gadget-Objekt, das Fetisch-Objekt bzw. das Götzenobjekt, das der Dis-
kurs des Kapitalisten unaufhörlich auf den Markt wirft, vom Objekt klein a,
welches als Kondensator des Mehr-Genießens fungiert, zu unterscheiden.
Für Lacan ist das Erste nur eine „gefälschte“ Darstellung des Zweiten (vgl.
Lacan 2001, 97). Warum „gefälscht“? Weil es die Grundlage der Kastra
tion
verneint, auf der das Mehr-Genießen seine schöpferische Form aufbaut.
Und das ist die These, die Lacan mit Nachdruck aus der Subversion des Sub-
jektes schlussfolgert: Allein die durch das Gesetz der Kastration verfügte
Ablehnung des (tödlichen) Genießens ist imstande, „auf der verkehrten
Leiter des Gesetzes des Begehrens“ ein neues Genießen zu ermöglichen.
Dieses neue Genießen – verbunden mit dem Begehren des Subjektes – ver-
körpert das Mehr-Genießen in seinem eigentümlichsten Aspekt der Af-
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven