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Karl Farmer | Warum handelspolitischer Protektionismus wieder politikmächtig
und wirtschaftliche Freiheit zum Phantom wurden
beziehungen mit dem Hinweis auf das „Abschmelzen indu strieller Kerne“
und den damit verbundenen Verlust von US-Arbeitsplätzen grundsätzlich in
Frage. Obwohl in Meinungsbefragungen eine deutliche Mehrheit der US-
Bevölkerung für Freihandel eintritt, akzeptierte mit der Stimme für Trump
etwas weniger als die Hälfte der US-Wahlbevölkerung die Einschränkung
der wirtschaftlichen Freiheit, Güter dort zu kaufen, wo sie am billigsten sind.
Die Erklärung dieser Entscheidung gegen das wirtschaftliche Eigeninter-
esse in den US-Wahlzellen im November 2016 bringt neuerdings Politik-
wissenschaftler (Mutz 2018) und Ökonomen (Grossman/Helpman 2018;
Gennaioli/Tabellini 2018) dazu, neben dem Nutzen aus dem materiellen
Güterkonsum auch den psychosozialen Nutzen aus wiederbelebten National-
stolz und der Identifikation mit einer sozialen Gruppe, die für das eigene
Selbstwertgefühl bedeutsam ist, als entscheidungsrelevant zu sehen. Wie un-
ten ausgeführt wird, erzeugen ökonomische und/oder kulturelle Schocks
soziale Abstiegsängste und bringen Individuen dazu, sich mit anderen so-
zialen Gruppen als bisher zu identifizieren. Materieller Nutzenverlust infol-
ge einer Importzollerhöhung wird für den Nutzengewinn aus der Abwehr
des Statusverlusts („America great again“) und der Neu-Identifikation mit
einer sozialen Gruppe, die nur der eigenen ähnlich ist und sich von einer
Fremdgruppe deutlich unterscheidet, akzeptiert. Diese Neuidentifikation
hat es Trump ermöglicht, als politischer Unternehmer Anti-Elite-Vorbe-
halte („wir“ und „die“) zu schüren (Grossman/Helpman 2018, 20) und die
Ängste der weißen unteren US-Mittelschicht (Mutz 2018) vor Statusverlust
auszunutzen, um sein Ziel, Präsident zu werden, zu erreichen.
Für den Wahlerfolg eines dezidiert protektionistisch auftretenden Präsi-
dentschaftskandidaten („I am a tariff man“) war nach Winkler (2017) auch
das bis dahin herrschende international-makroökonomische Politikumfeld
förderlich. Seit der Freigabe der Wechselkurse Anfang der 1970er-Jahre, der
makroökonomischen Angebotspolitik von Reagan und Thatcher und der Li-
beralisierung des internationalen Kapitalverkehrs in den 1980er-Jahren war
der Spielraum nationaler Fiskalpolitik, negativen Globalisierungsschocks
gegenzusteuern, deutlich eingeschränkt. Seit den späten 1980er-Jahren
geht es vor allem darum, die internationale Wettbewerbsfähigkeit jedes Lan-
des zu erhalten bzw. zu steigern. Das war mit massiven nationalstaatlichen
Interventionsmaßnahmen zu Gunsten der Globalisierungsverlierer (der
Materieller Nutzenverlust wird für Nutzengewinn aus der Abwehr des Status-
verlusts und der Neuidentifikation mit einer sozialen Gruppe akzeptiert.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven