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Karl Farmer | Warum handelspolitischer Protektionismus wieder politikmächtig
und wirtschaftliche Freiheit zum Phantom wurden
„Zurückgebliebenen“) nicht vereinbar. Die dieser „internationalen An-
gebotspolitik“ (Winkler 2017) geschuldete „Untätigkeit“ der Vorgänger-
Präsidenten nahm Trump zum Anlass, über handelspolitische Interventionen
Tätigkeit im Interesse der „Abgehängten“ zu beweisen.
Der wieder erstarkte außenhandelspolitische Protektionismus ist nicht nur
als (fragwürdige) Politikerreaktion auf gewachsene Auslandskonkurrenz
seit dem wirtschaftlichen Aufstieg Ostasiens zu sehen. Wie weiter unten
in Anlehnung an Gennaioli und Tabellini (2018) gezeigt wird, sind es auch
kulturelle Schocks (wie die Straffreistellung von Abtreibung, die Infrage-
stellung der traditionellen Familie, die rechtliche Gleichstellung homo-
sexueller mit heterosexuellen Partnerschaften usw.), welche eine Politik
der Abschottung gegenüber dem Ausland verständlich machen. Von den 81
Prozent der US-Evangelikalen, die Trump gewählt haben, nennt bei Nach-
wahlbefragungen zwar nur ein kleiner Anteil die Anti-Abtreibungskampa-
gne von Trump als Wahlmotiv. Für die meisten war Trump aber dennoch
das geringere Übel, was ein Hinweis darauf ist, dass diese Wählergruppe
auch die gesellschaftspolitisch progressive Politik Clintons verhindern woll-
te. Zurzeit scheint sozialer Konservatismus nur um den Preis außenhandels-
politischen Protektionismusʼ zu haben. Wirtschaftliche Freiheit scheint zum
Phantom, das man fürchtet, geworden zu sein, und das gerade bei dem Teil
der Bevölkerung, der sozial konservativ denkt. Aber ist diese aktuell poli-
tikbestimmende Opferung wirtschaftlicher Freiheit für eventuell höhe-
re moralische Güter wie z. B. das Recht auf Leben von der Empfängnis bis
zum natürlichen Tod aus einer breiteren meta-ökonomischen Perspektive
zwangsläufig? Das ist die Frage, die zum Schluss dieses Beitrags kurz1 be-
handelt wird.
Kontrollverlust nationaler Makropolitik und Trumps Protektionismus
Adalbert Winkler (2017) analysiert die Ursachen für Trumps Wahlerfolg
primär aus einer makroökonomischen Perspektive. Er stellt zunächst fest,
dass Trump den Niedergang der industriellen Kerne in den USA und das
Stagnieren der Realeinkommen der (unteren) US-Mittelschicht seit den
1980er-Jahren brandmarkte und mit seiner Parole „Make America Great
Sozialer Konservatismus ist anscheinend nur um den Preis
außenhandelspolitischen Protektionismusʼ zu haben.
1 Dazu wäre eine differenzierte
sozial-ethische Analyse nötig. Diese
ist jedoch im Hinblick auf die ein-
geschränkte Fragestellung dieses
Beitrags nicht möglich.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven